Im Gespräch mit Dirk Löschner, Intendant des Theaters der Altmark Stendal "Unsere Theatersprache kommt an"
Dirk Löschner ist seit einem Jahr Intendant des Theaters der Altmark Stendal. Über seine erste Spielzeit am Haus, das Ankommen in der Altmark, über Sparzwänge und Wünsche hat Grit Warnat mit dem 43-Jährigen gesprochen.
Volksstimme: Herr Löschner, kurz vor Ihrem Amtsantritt vor einem Jahr nannten Sie Stendal charmant. Geben Sie der Stadt heute immer noch dieses nette Attribut?
Dirk Löschner: Auf jeden Fall. Ich will das auch ausweiten auf die Altmark. Es ist eine schöne Landschaft hier, die ich sehr liebgewonnen habe. Auch, weil die Menschen hier ausgesprochen liebevoll mit ihrer Umgebung umgehen. Das fällt auf, das hat Charme, und ich schätze diesen Umgang sehr. Er ist anderenorts nicht selbstverständlich.
Volksstimme: Die Landschaft, die Menschen, die Natur haben Sie inspiriert zu Ihrem Spielzeitmotto "Land in Sicht".
Löschner: Ja. Wir möchten mit unseren Mitteln zeigen, was die Altmark ausmacht. Natürlich wollen wir ein ordentliches Stadttheaterprogramm auf die Beine stellen, uns aber stärker als bisher als Theater der Altmark ins Bewusstsein bringen.
Volksstimme: Sparzwänge allerorten beherrschen die politischen Diskussionen. Haben Sie Angst um das Theater Stendal?
Löschner: Die Angst ist immer da, weil die Decke denkbar kurz ist. Die Füße schauen schon heraus. Und wenn man noch ein Stück von dieser Decke abschneiden würde, bleibt die Frage, wann der Patient erfriert.
Volksstimme: Sie frieren also noch nicht?
Löschner: Ich weiß, dass von Entscheidungsträgern der Landes- und der regionalen Kulturpolitik unser Theater überhaupt nicht infrage gestellt wird. Das zeigten und zeigen die Gespräche. Die Arbeit hier wird geschätzt. Vielmehr sind die großen zukünftigen Fragen die nach der Struktur eines Theaters, was zum Aufgabenspektrum gehören und wie breit der Spielplan aufgestellt sein soll.
Volksstimme: Strukturfragen sind immer auch Personalfragen.
Löschner: Wir sind nur noch 71 Leute. Wie soll mit weniger Leuten Theater gemacht werden?
Volksstimme: Sie waren gerade im Amt, da sahen Sie sich mit einem 300 000-Euro-Defizit konfrontiert. Das gab Ärger im Stadtrat. Die Stadträte entschieden sich für den Defizitausgleich, aber auch eine quartalsweise Kontrolle der Finanzen. Wie stehen Sie dazu?
Löschner: Für mich ist das ganz normale Arbeit. Ich war ja lange Zeit kaufmännischer Geschäftsführer eines Theaters. Da gehörten Quartalsberichte zum Geschäft. Ich finde es sogar gut, wenn die Aufsichtsgremien immer auf dem Laufenden gehalten werden und wissen, was passiert.
Volksstimme: Je knapper das Geld wird, desto kleiner wird das Verständnis für Mehrausgaben.
Löschner: Eine Überziehung des Etats will natürlich niemand. Doch in den vergangenen Jahren wurde immer wieder der Etat überzogen. Das deutet darauf hin, dass mit dem Vier-Jahres-Vertrag eine Unterfinanzierung da ist. Man steht unter einem ständigen Rechtfertigungsdruck. Die Stadt Stendal ist immer wieder eingesprungen, das ist für uns nicht angenehm. Wir müssen viel miteinander reden, um eine andere Situation zu erreichen.
"Breites Spektrum macht den Theaterkosmos interessant"
Volksstimme: Reden ist einfacher, wenn ein Theater erfolgreich ist. Die Premieren haben von den Volksstimme-Rezensenten durchweg gute Kritiken bekommen. Sind Sie auf dem richtigen Weg?
Löschner: Offensichtlich haben wir eine Theatersprache gefunden, die auch beim Publikum Zustimmung fand. Bei uns ist weder Zertrümmerungstheater zu Hause noch die Anbiederung an eine scheinbar immer Erfolg versprechende Linie aus viel Boulevardeskem. Ich freue mich, dass unsere sowohl bildhafte als auch an aktuellen Entwicklungen und Problemen orientierte Theatersprache ankommt.
Volksstimme: Ihre neue, nur mit einer Spielerin besetzte Sparte Puppenspiel war recht gewagt. Was sagen Sie nach einem Jahr?
Löschner: Ein großer Erfolg. Neben "Mäuseken Wackelohr" wurden "Tom Sawyers Abenteuer" und "King Kong" aufgeführt. Vor allem die Twain-Adaption ist ein wirklich großer Wurf und kam hervorragend bei allen Altersgruppen an.
Die Nachfragen reißen nicht ab. Deshalb bieten wir in der neuen Spielzeit wieder drei Puppenspiel-Premieren an. Hans-Jochen Menzel, der gerade für das Hofspektakel im Magdeburger Puppentheater Regie führt, inszeniert für uns "Dr. Jekyll und Mr. Hyde", ein Puppenspiel für Erwachsene.
Volksstimme: Wieso diese Pionierarbeit am Haus?
Löschner: Weil sie sich lohnt. Ich habe meine Erfahrungen aus Detmold, wo ich ein Puppentheaterfestival gegründet hatte, und es zwar einige Jahre dauerte, bis sich ein Publikum dafür entwickelt hat, aber das war dann ausgesprochen treu. Und es ist oft neues Publikum, das man ansprechen kann. Natürlich ist das eine Herausforderung. Aber darin liegt auch ein Reiz. Ich bin ganz fest der Meinung, dass an vielen Stadttheatern zu stark Monokultur hinsichtlich der Formensprachen betrieben wird. Mein Ziel ist es, dass das Ensemble eine größere Bandbreite in den eigenen Ausdrucksmöglichkeiten findet. Ein breites Spektrum macht den Theaterkosmos ja erst so interessant.
Volksstimme: Auch Sie suchen diese Bandbreite in Ihren eigenen Inszenierungen. In der vergangenen Spielzeit haben Sie Ibsen und Goethe inszeniert, jetzt folgt ein Musical, und Sie stehen mit Liedern von Jacques Brel sogar singend auf der Bühne. Wie wichtig ist Ihnen das Inszenieren?
Löschner: Zum einen gibt es natürlich eine finanzielle Notwendigkeit für das Haus. Die Vielzahl der Produktionen wäre nicht machbar, wenn nicht der Intendant auch inszeniert. Aber natürlich ist es für mich auch eine innere Notwendigkeit und eine große Triebfeder. Der direkte Kontakt zum Ensemble ist wichtig. Ich will nicht Büroeminenz sein.
Volksstimme: Bewertet wird die Arbeit des Hauses auch über die Besucherzahlen. Sind Sie zufrieden?
Löschner: Ich habe noch keinen Komplettüberblick, weil die Statistik erst im August vorliegt. Aber in Stendal konnten wir das Publikum halten und für uns interessieren. Im Gastspielbereich werden die Zahlen vermutlich niedriger ausfallen, weil mancher erst einmal abwartet, was mit den Neuen da auf sie zukommt. Erst als die ersten Produktionen dieser Spielzeit herausgekommen waren, haben die Einkäufer zugegriffen. In der kommenden Spielzeit wird es 75 Abstecher mit dem großen Repertoire geben.
Volksstimme: Für die Gastauftritte brauchen Sie einen Theaterbus. Der Ihres Hauses hat 530 000 Kilometer auf dem Buckel und ist 24 Jahre alt. Das spricht nicht sehr für einen zuverlässigen Einsatz.
Löschner: Jedes Jahr werden die Reparaturkosten größer. Aber ich sehe, dass das Problembewusstsein wächst, in der Stadt, im Land. Aber es wäre ein gutes Zeichen, wenn sich die gesamte Altmark beteiligen würde, auch der Altmarkkreis Salzwedel. Für uns ist der Bus ein elementares Arbeitsmittel.
Volksstimme: Auch die Bühnentechnik ist veraltet. Gibt es hierfür Pläne?
Löschner: Richtig. Das ist eine Notwendigkeit. Bislang spielt die alte Steuerung schon eingeschränkt. Es besteht die Gefahr, dass die Technik ganz aussteigt. Dann würden wir nicht einmal den Hauptvorhang bewegen können. Und das kann von heute auf morgen passieren. Wir sind mit der Stadt im Gespräch, aber es ist natürlich mit 400 000 bis 500 000 Euro eine gewaltige Investition.
Volksstimme: Was ist Ihr größter Wunsch für die neue Spielzeit?
Löschner: Weiterhin so viel Fortune mit dem Ensemble und dem künstlerischen Erfolg der Produktionen. Und wir wollen es schaffen, uns vor allem mit der Unterstützung des Fördervereins stärker in der ganzen Altmark zu vernetzen.