1. Startseite
  2. >
  3. Kultur
  4. >
  5. Viele Glanzlichter im "Vetter aus Dingsda"

Publikum feiert Premiere des 16. Schönebecker Operettensommers auf dem Bierer Berg Viele Glanzlichter im "Vetter aus Dingsda"

Von Hans Walter 02.07.2012, 03:35

"Der Vetter aus Dingsda" von Eduard Künneke erlebte am Sonnabend zum 16. Schönebecker Operettensommer seine umjubelte Premiere. Da stimmte alles - von der Musik, der Inszenierung bis zum Bühnenbild und dem Wetter. 12 Minuten lang Standing Ovations im mit 850 Plätzen ausverkauften Rund.

Schönebeck l Der 16. Schönebecker Operettensommer war eine Reminiszenz an den Beginn anno 1997: Wie damals wurde "Der Vetter aus Dingsda" gegeben. Waren es beim 1. Operettensommer fünf Vorstellungen mit 1564 Besuchern, so werden in diesem Jahr um die 18000 Gäste erwartet. Das Auffallendste: Das Publikum hat sich spürbar verjüngt. Die Operette lebt!

Der Wiener Regisseur, Gründer und Darsteller Thomas Enzinger ist immer noch ebenso dabei wie der Bühnenbildner Toto. Vor Beginn begrüßte GMD Christian Simonis (ebenfalls aus Wien) mit allen Musikern der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie zwei Ehrengäste: Gerda Haase und Wolfgang Emmrich, die seinerzeit mit viel Humor die Tante Wimpel und Onkel Josse gegeben hatten. Der einstige Chorist Ralf Augustin ist heute technischer Leiter. Der Geschäftsführer des Orchesters, Hans-Jörg Simon, war bereits damals als Produzent zugange.

16 lange Jahre Arbeit für die heitere Muse - das ist das Geheimnis der fast familiären Lebenskraft und weithin ausstrahlenden Wirkung dieses deutschlandweit einzigartigen Musikfestes. Der Generalmusikdirektor fand einen schönen Vergleich, wie bei minimalen Kosten dank bürgerschaftlichen Engagements und Sponsorings maximale Wirkung erzielt wird. Selbst die Esel des Bierer-Berg-Tierparks meldeten sich pünktlich wieder zur Premiere mit "I-A"-Rufen. Beifall.

Es war wie immer: das ganz Besondere als Prinzip. Toto baute 2012 ein acht Meter hohes Bühnenbild des De-Weert-Schlösschens ganz in Rosa. Mit Zimmerchen in drei Etagen und Rollrasen, Kirschlorbeer und Blumen als Gärtchen davor. Durch viele verspielte Details ein wahres Fest für das Auge. Wie ein echtes Wiener Karussellpferd, blinkende Herzen, ein Auto für den echten Roderich oder die von einem Theaterplastiker gefertigten Gestirne. "Strahlender Mond, der am Himmelszelt thront ..."

An 1997 erinnerte eine Leine mit weißer Bettwäsche. Seinerzeit hatte Axel Schumann seinen Wäscheschrank leergeräumt, um das Bühnenbild möglichst kostengünstig herzustellen; auch er saß im Publikum.

Thomas Enzinger schürzte und entwirrte das Beziehungsgeflecht um die Liebesnöte von Julia de Weert (Gabriele Rösel) und Hannchen (Meike Albers) zum 1. Fremden (herausragend: Michael Suttner) und 2. Fremden (Kim Schrader) aus den Niederlanden und den Kolonien - eben "Dingsda" - mit spielerisch leichtester Hand. Die großartigen Sänger gingen voll darauf ein und gaben mit Spiel-, Sanges- und Tanzfreude das Vergnügen ans Publikum weiter. Onkel Josse (Henryk Böhm) und Tante Wimpel (die "Zwickmühlen"-Kabarettistin und Sängerin Marion Bach, ebenfalls seit 1997 im Ensemble) heimsten den Löwenanteil der Sympathien ein. Fantastisch, wie sie durch Körper- und Stimmeinsatz die neureichen fress- und vergnügungssüchtigen Kuhbrots karikierten.

Die Diener Hans (Jan Villak) und Karl (Thomas Fröb) waren ein Domestiken-Traumpaar - ähnlich Pat und Patachon. Großartig die Choreografien von Alexander Semenchukow - er machte vergessen, dass es gar kein Ballett im "Vetter" gibt. Und Enzinger und die Wienerin Katharina Kutil gestalteten ihre Sprechrollen als Landratssohn Egon von Wildenhagen und als wundersam herausgeputzte Gärtnerin als kabarettistische Glanzlichter.

Das Ganze war eine wahre Umzieh-Orgie. Für die Toto-Kostüme gab es jedes Mal Applaus auf offener Szene. Auch für jedes Lied. GMD Simonis zelebrierte die wundervolle Tanzmusik Künnekes als Fest des raffinierten Orchesterklangs. Viele Zuschauer sangen die Hits von 1921 mit - "Ich bin nur ein armer Wandergesell", "Weißt du noch", den "Batavia"-Fox - konsequent mit einem Gorilla (Florian Gross) als tänzerischer Draufgabe. Enzinger befragte Stück und Partitur sehr genau. Der Tipp: Unbedingt anschauen. Es sind noch Karten da.

Bis zum 29. Juli mittwochs bis sonntags um 16 Uhr