Von Rolf-Dietmar Schmidt Vorwärts in die Steinzeit
Irgendwo, ganz tief im Hinterkopf, war es schon lange bekannt: Der Mensch ist für die moderne Welt, die er geschaffen hat, nicht gemacht. Während der Körper noch in der Steinzeit verharrt, ist der Geist schon längst in den Weltraum vorgedrungen. Er hat sich von der unzulänglichen Hülle gelöst und ist vorausgeeilt, schneller, als es die Evolution vermochte. Die Folgen sind allgegenwärtig, auch wenn wir uns schon an sie gewöhnt haben. Rückenleiden, Allergien, Diabetes und Depressionen, zu dick, zu dünn - die Liste der Zivilisationskrankheiten ist unendlich lang.
Ernsthafte Wissenschaftler, vor allem in den USA und in Großbritannien, haben sich nun des Problems angenommen. Das Ergebnis: Wir laufen falsch, wir essen falsch, machen Fehler bei der Reinlichkeit, wir schlafen falsch, wir lieben falsch. Und schon sind die ersten Rezepte auf dem Markt, wie man steinzeitgemäß lebt, wie man sich einige Evolutionsebenen rückwärts katapultiert, um zu dem Punkt zu gelangen, an dem Knochen, Muskeln und Organe noch mit dem Gehirn im Einklang waren, bevor es sich auf und davon machte.
Was da alles untersucht, hinterfragt oder postuliert wird, klingt absolut logisch. "Richtig!", möchte man ausrufen, und es kommt dieses schon lange vorhandene Gefühl aus dem Hinterkopf ganz nach vorn ins Bewusstsein."Richtig!", das habe ich eigentlich schon lange gewusst. Zu wenig Bewegung, klimatisierte Autos und Büros, stundenlanges gebeugtes Sitzen am Computer, Überlastung der Augen und des Gehirns, falsche Ernährung zuviel Hygiene und zu wenig Liebe.
Die entscheidende Frage scheint aber überhaupt keine Rolle zu spielen. Wie ist es möglich, dass die Evolution, die seit ihrer Entdeckung durch Darwin so gern wie eine Abfolge logischer Schritte gesehen und häufig personalisiert wird; wie kann diese Evolution dem Gehirn scheinbar explosionsartigen Erkenntnisgewinn zugestehen und beim Rest des Körpers evolutionstechnisch auf der Bremse stehen? Fehlentwicklungen gab es schon immer. Sie wurden aber in Entwicklungsgeschichte angemessenen Zeitabständen wieder eingeholt. Versuch - Fehlschlag - Ausgestorben, oder eben umgekehrt.
Beim Menschen aber scheint das nicht zu klappen. Richtig ist, dass der Homo sapiens entwicklungsgeschichtlich gesehen nicht mal ein Augenzwinkern lang auf dem Planeten haust. So schnell wird eine Fehlentwicklung nicht eingefangen. Will man jedoch an dem Gedanken festhalten, dass der Mensch an einer latenten Fehlentwicklung leidet, dann sollte sich die Evolution etwas beeilen. Sonst nimmt ihr der missratene Versuch das ab und erledigt die Sache gleich selbst. Zumindest erst einmal für diesen Planeten und was darauf kreucht und fleucht.
Ist es aber nicht so, sondern der menschliche Geist eilt gewollt seiner körperlichen Hülle davon, dann wird es höchste Zeit für die Evolution nachzuziehen, um wieder ein Gleichgewicht herzustellen. Der Kopf müsste deutlich größer werden, die Auflagefläche zum Sitzen auch, dafür können Beine schrumpfen und der Darm müsste wesentlich besser zur Aufnahme von Fertignahrung vorbereitet sein. Reizvoll wäre auch, von den Steinzeit-Wissenschaftlern zu erfahren, wie das so mit der Liebe und der Fortpflanzung seinerzeit war. Vielleicht ließe sich da der eine oder andere Ratschlag in die Praxis umsetzen, so dass der moderne Mann und die moderne Frau besser mit den körperlichen Unzulänglichkeiten in der Partnerschaft zurechtkämen.
Aber wir wissen ja aus unserer bisherigen Geschichte, dass das alles nicht so schnell geht. Wer jedoch nicht warten will, der sollte sich ruhig mal mit dem Steinzeitcodex befassen. Schaden kann es nicht.