Wahrheit ist relativ
MMit der Wahrheit ist das so eine Sache. Was von dem, was so jeden Tag an Informationen auf uns einprasselt, kann man glauben? Und was nicht?
Regelmäßig essen, am besten kleine Mahlzeiten mehrmals am Tag. Das war noch vor wenigen Jahren die absolute Wahrheit der Ernährungswissenschaftler. Heute wissen wir: völliger Unsinn. Oder betrachten wir den Bohnenkaffee. Mal war er schädlich, mal wirkte er sich schlecht auf den Blutdruck aus. Jetzt ist man sogar dahintergekommen, dass ein paar Tassen Kaffee täglich sogar ein probates Mittel gegen Krebs sein sollen. Was kann man glauben, was nicht?
Manchmal ist die halbe Wahrheit eine kräftige Lüge, manche Lüge erweist sich irgendwann als wahr. Und dann gibt es noch Zeitgenossen, für die ist wahr, was sie glauben möchten.
Schon die alten griechischen Philosophen haben sich mit diesem komplizierten Sachverhalt auseinandergesetzt. Epimenides wird das erste Lügenparadoxon zugeschrieben. Er sagte: "Alle Kreter sind Lügner." Allerdings war er selbst Kreter.
Also was nun - Wahrheit oder Lüge? Man merkt daran schon ganz schnell, dass es gar nicht so einfach ist, immer genau zu erkennen, was wahr und was falsch ist.
Doch, in der Wissenschaft, vor allem in der Mathematik, da sind die Dinge eindeutig. Eins plus eins ergibt zwei. Das ist doch nun wirklich eine unumstößliche Wahrheit, oder?
Erst als ich das gequälte Gesicht des Mathematikprofessors bemerke, der zu erklären versucht, dass natürliche Zahlen nur eine Festlegung der Menschen seien, um eine unendlich große Zahl von Teilen zwischen eins und zwei sich nähern zu lassen, wurde mir schlagartig bewusst, dass es die absolute Wahrheit nicht gibt.
Wenn sogar nur unter definierten Bedingungen ein Apfel plus einen weiteren Apfel zwei Äpfel sind, dann gerät die Welt endgültig aus den Fugen.
Über lange Zeit im Mittelalter war es wissenschaftliche Wahrheit, dass die Erde eine Scheibe ist. Man würde herabfallen, wenn man sich über den Rand beugte. Heute lacht jedes Kind darüber. Dann hieß es, die Erde sei eine Kugel.
Heute wissen wir, dass sie vielmehr einer Kartoffel gleicht. Wieder wurde die anerkannte Wahrheit durch eine bessere, genauere Wahrheit ersetzt. Bessere Wahrheit? Kann etwas wahr und gleichzeitig nicht wahr sein?
Wenn die großen Geister ihrer Zeit an die Erde als Scheibe geglaubt haben, wer sagt dann, dass unser jetziges Wissen richtig ist. Sicher ist nur, dass es so lange gilt, bis es durch neue Erkenntnisse ersetzt ist. Wahrheit ist also immer nur ein Zwischenstopp im Erkenntnisprozess.
Leider hat sich das Wissen über die Relativität der Wahrheit noch nicht überall durchgesetzt. Als ich diesen komplizierten Zusammenhang neulich einem Polizisten erklären wollte, der meinte, mich mit überhöhter Geschwindigkeit gemessen zu haben, sah der mich sehr lange sehr seltsam an. Dann bestand er auf eine Blutprobe.
Die brachte dann die Wahrheit an den Tag. Ich war stocknüchtern, aber trotzdem zu schnell. Und dabei ist es doch mit der Geschwindigkeit genauso wie mit der Wahrheit: Sie ist nun mal relativ.