Am Sonntag gründet sich das Orchester Deutsche Einheit auf dem Brocken "Wir sind ein ganz kleines Pflänzchen, das gedeihen muss"
Das von Musikdirektor Christian Fitzner initiierte Orchester Deutsche Einheit, das junge Musiker aus neun Bundesländern vereint, wird am Sonntag im Goethe-Saal auf dem Brocken sein feierliches Gründungskonzert geben. Im Volksstimme-Interview erzählt der Chef des Philharmonischen Kammerorchesters Wernigerode von dieser Idee, dem Projekt, den Zielen. Grit Warnat hat mit Christian Fitzner gesprochen.
Volksstimme: Herr Fitzner, haben Sie schon einmal auf dem Brocken dirigiert?
Christian Fitzner: Nein. Ich glaube, es hat noch kein klassisches Konzert auf dem Brocken gegeben.
Volksstimme: Ein Orchester wurde dort sicherlich auch noch nicht gegründet. Warum haben Sie sich dafür den höchsten Gipfel Norddeutschlands ausgesucht?
Fitzner: Wir wollen damit nicht sagen, dass wir ganz hoch hinauswollen. Es ging dem Orchester vielmehr um einen Ort der Mitte Deutschlands, der gleichzeitig auch für die Teilung stand.
Das Brandenburger Tor ist architektonisch das wichtigste Trennungs- und Einheitssymbol. Der Brocken ist einer der markantesten natürlichsten Punkte zwischen Ost und West. Hier wurde gehorcht und zurückgelauscht. Hier standen sich die Systeme gegenüber. Hier wollen wir uns gründen.
Volksstimme: Die Idee zu diesem Einheitsorchester kam von Ihnen. Was hat Sie im 20. Jahr der Einheit zu dieser neuen Orchesterarbeit bewogen?
"Ich spüre immer wieder, wie wenig man voneinander weiß "
Fitzner: Ganz ehrlich, ich habe mich selbst gefragt, warum ich nicht schon viel früher auf diese Idee gekommen bin. Seit meinem Studium arbeite ich mit dem Landesjugendorchester Nordrhein-Westfalen zusammen, ansonsten bin ich in Wernigerode tätig, und immer wieder spüre ich, wie wenig man doch nach wie vor voneinander weiß zwischen Ost und West, übrigens auch zwischen Nord und Süd. Mir geht es ums Begegnen, und diese Idee stieß auf Interesse. Angedacht hatte ich anfangs eine Zusammenarbeit von jungen Musikern aus drei Bundesländern, jetzt sind es neun.
Volksstimme: Wie viele junge Musiker gehören dem Orchester an?
Fitzner: 55 spielen mit unserem Philharmonischen Kammerorchester, so dass wir ein fast 80 Mann starkes Orchester sind. Wir sitzen Pult an Pult und unsere Musiker übernehmen auch Dozentenarbeit.
Volksstimme: Ist es nicht außerordentlich schwierig, mit so vielen Leuten aus so vielen Ecken Deutschlands gemeinsame Probenpläne aufzustellen?
Fitzner: Ja, das ist es. Die Logistik ist schwierig. Die Jugendlichen müssen alle nach Wernigerode anreisen. Wir kümmern uns um die Unterbringung, wofür sie einen Obolus zahlen.
Volksstimme: Interessierte können das Orchester Deutsche Einheit zu den Schlossfestspielen kennenlernen, auch zum Sachsen-Anhalt-Tag in Weißenfels. Sie haben viel vor.
"Es ist niemand abgesprungen. Das nenne ich ein gutes Zeichen"
Fitzner: Wir haben uns Ziele gesteckt, sind aber erst einmal ein ganz kleines Pflänzchen, das langsam gedeihen muss.
Volksstimme: Das Gedeihen ohne Unterstützung fällt schwer. Wie steht es darum?
Fitzner: Wir haben in der Politik und Wirtschaft bereits Unterstützer gefunden, die von unserem Projekt angetan sind, weil sie auch wie wir Kultur als neutralen Begegnungsboden schätzen. Wir haben junge Leute aus vielen Studienrichtungen bei uns, nicht nur jene, die Musik machen, sondern auch Anwälte, Mediziner. Ich finde, das schafft ein anderes, interessantes Begegnungspotenzial. Aber finanziell gesehen müssen wir uns natürlich noch mächtig strecken.
Volksstimme: Sie fahren Ende des Jahres nach China. Für ein kleines Pflänzchen eine große Herausforderung – auch finanziell.
Fitzner: Wir haben aber eine Einladung aus China. Das ist der Aufhänger. Natürlich sind Konzerte in China nicht gerade naheliegend, aber sie sind auch enormer Anreiz für alle. Selbstverständlich wollen wir Kontakte vor allem zu unseren deutschen Nachbarländern, zu den dortigen Jugendorchestern aufbauen. Gerade heutzutage, wo so viel medialer Austausch stattfindet, ist es das wichtigste, sich zu begegnen und miteinander zu reden. Übrigens auch innerhalb Deutschlands.
Volksstimme: Sie haben schon mehrfach geprobt, auch das Eröffnungskonzert zu den Schlossfestspielen gestaltet. Lief es gut?
Fitzner: Supergut. Es haben sogar Leute nachgezogen, es ist niemand abgesprungen. Das nenne ich ein gutes Zeichen.