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Vor 25 Jahren wurde das Deutsche Historische Museum gegründet / Festakt findet morgen statt "Wir sind nicht ein Kanzler-Museum"

22.10.2012, 01:17

Es gehört zu den meistbesuchten deutschen Museen. Jetzt wird das Deutsche Historische Museum 25 Jahre alt. Die Kontroversen um seine Gründung sind vergessen - fast jedenfalls.

Berlin (epd) l Neulich kam er nochmal zurück, der Kanzler in "sein" Museum. Nicht ohne Bedacht ehrte die Union Ende September Helmut Kohl im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums (DHM). Wenn es in der Hauptstadt etwas zu feiern gibt, dann gehört der heute überdachte, angenehm temperierte Innenhof mit seinen Barockfassaden zu den ersten Adressen. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) feierte dort schon Geburtstag.

Morgen wird sie im Schlüterhof die Festrede auf das 25-jährige Bestehen des Museums halten, das in dieser Zeit bis zu zwölf Millionen Menschen besucht haben. Kein anderes kulturelles Projekt ist bis heute so mit dem Namen ihres Vorgängers - und dem Kanzleramt - verbunden wie das DHM. Kein anderes war aber auch in der Geschichte der Bundesrepublik deshalb so umstritten.

Als "Paukenschlag" bezeichnet Museumsdirektor Alexander Koch im Rückblick die Gründung des DHM. Am 28. Oktober 1987 unterzeichneten Kohl und der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (beide CDU) im Reichstagsgebäude feierlich die Urkunde. Im Kanzleramt gab es noch keinen Kulturstaatsminister, die Kulturhoheit lag noch uneingeschränkt bei den Ländern. Und draußen vor der Tür des Berliner Reichstages stand die Mauer.

Dem Projekt waren jahrelange heftige Kontroversen vorausgegangen. Seit der Regierungsübernahme von Kohl 1982 stand es unter dem Verdacht, dass sich darin die angekündigte geistig-moralische Wende kulturpolitisch niederschlagen sollte. Schon einige Monate zuvor hatte der erste große Erfolg von Geschichtsausstellungen eine Historikergruppe um den späteren Kohl-Berater Michael Stürmer zu einer "Denkschrift Deutsches Historisches Museum" veranlasst. Kohl bezeichnete das Projekt als "nationale Aufgabe von europäischem Rang". Sinn des Museums sollte sein, so später der erste Direktor Christoph Stölzl, "die Deutschen daran zu erinnern, dass es mehr gibt als die deutsche Teilung und das Scheitern der Nation".

Der italienische Architekt Aldo Rossi wurde beauftragt, im Berliner Spreebogen ein Gebäude mit 22000 Quadratmeter Ausstellungsfläche zu errichten. Doch dann fällt die Mauer. Und just am vorgesehenen Ort wird das neue Kanzleramt errichtet. Das DHM wiederum übernimmt das preußische Zeughaus Unter den Linden, in dem die DDR ihr "Museum der Deutschen Geschichte" eingerichtet hatte.

Auf Auktionen legt Stölzl den Grundstock für die heutige Sammlung von immerhin 700000 Objekten zur deutschen Geschichte. Viele von ihnen waren oft in Überfülle in den 200 Ausstellungen zu sehen, die das DHM bis heute präsentierte. Auch stellte sich gelegentlich die Frage nach ihrer Aussagekraft. Kann man etwa Museumsbesuchern den Schrecken des "Deutschen Herbstes" von 1977 allein durch die Präsentation des Kinderwagens vermitteln, mit dem die RAF-Terroristen seinerzeit das Auto von Arbeitgeberpräsident Hans Martin Schleyer aufhielten?

Dass sich die ursprünglichen Befürchtungen einer politisch gefärbten Geschichtsschreibung nicht bewahrheiteten, lag wohl auch daran, "dass es sie gab", vermutet Jürgen Kocka. "Heute gibt es ein solches Maß an kritischer Aufmerksamkeit nicht mehr", fügt der Historiker hinzu, der die Arbeit des Museums als Beiratsmitglied maßgeblich mitbegleitet hat. "Das Museum muss daher sehr Acht geben, dass sich kein schleichender und zunehmender Einfluss der Bundesregierung ergibt."

2009 hatten Medien erstmals darüber berichtet, dass ein Ausstellungstext über die "Festung Europa" dem Kanzleramt mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) ein Dorn im Auge war und daraufhin ausgetauscht wurde. Ein Jahr später wurde die Ausstellung "Hitler und die Deutschen" später eröffnet als geplant. Es sollte mit 250000 Besuchern das bislang erfolgreichste Projekt des Museums werden. "Mitnichten werden Ausstellungstexte im Bundeskanzleramt mitgeschrieben", sagt dazu der heutige Direktor Alexander Koch, der seit 2011 im Amt ist. "Wir sind nicht und waren nie ein Kanzler-Museum."

Trotz des zusammenwachsenden Europas hält er das Konzept eines Museums für nationale Geschichte keineswegs für überholt. "Dass das DHM eines Tages geschlossen wird und ich als Letzter im Zeughaus das Licht lösche und dann den Schlüssel im Bundeskanzleramt abgebe, ist ein absurder Gedanke , sagt Koch.