New York (dpa) - Bilder von leeren Straßen in der sonst so wuseligen Sehnsuchts-Metropole New York haben weltweit für Aufsehen gesorgt.

Mit mehr als 100.000 Infizierten und 10.000 Todesopfern steht sie in der Corona-Krise mehr im Fokus als jede andere Großstadt der Welt. Doch auch wenn sich die Lage etwas beruhigt, die Zahlen langsamer steigen, steht das Leben für 8,5 Millionen Menschen weiterhin Kopf.

Trotzdem geht der Alltag in der Pandemie weiter, auch für fünf Deutsche. Sie erzählen vom Überstehen der Krankheit, vom Doktortitel per Video-Prüfung, von finanziellen Sorgen und der Zukunft ihrer geliebten Wahl-Heimat.

DER SAXOFONIST: TIMO VOLLBRECHT

Eigentlich hatte Timo Vollbrecht den März auf Europa-Tournee verbringen wollen. Der Saxofonist saß schon im Flugzeug, die Crew in New York traf gerade die letzten Startvorbereitungen, als sein Handy klingelte. "Ein Freund war dran und sagte mir, dass die USA gerade einen Einreisestopp für Europäer verhängt haben. Ich bin sofort aufgesprungen, habe mein Saxofon aus dem Gepäckfach geschnappt und wollte nur noch raus aus dem Flieger - aber sie haben mich nicht mehr gelassen." 

Also flog der 35-Jährige, der seit rund zehn Jahren in New York lebt, nach Frankfurt - und direkt am nächsten Tag, noch bevor der Einreisestopp in Kraft trat, wieder zurück. Jetzt verbringen Vollbrecht und seine Frau ihre Zeit in der gemeinsamen Wohnung in Brooklyn und gehen nur noch zum Einkaufen, Joggen oder Spazieren vor die Tür. Der Musiker bringt sich neue Stücke auf dem Saxofon bei, schreibt Songs für sein neues Album, gibt weiter Kurse an der New York University - jetzt online - und hat sogar seine Doktorprüfung gerade online bestanden.

DIE WASCHSALON-BESITZERIN: CORINNA WILLIAMS 

Nur "notwendige" Geschäfte dürfen in New York derzeit geöffnet sein - und Waschsalons gehören in der Metropole, wo nur die wenigsten eine Waschmaschine zu Hause haben, dazu. Trotzdem ist auch bei "Celsious" im Viertel Williamsburg derzeit alles anders. Normalerweise wimmeln der Waschsalon und das angeschlossene Café vor Menschen. Jetzt ist das Café geschlossen und die in Bayern aufgewachsenen Besitzerinnen Corinna und Theresa Williams nehmen die Wäsche ihrer Kunden an der Eingangstür an und übergeben sie dort fertig gewaschen wieder - alles unter strengen Hygienebedingungen.

"Uns geht es den Umständen entsprechend gut", sagt Corinna Williams, die den Laden 2017 mit ihrer Schwester eröffnet hat. "Wir sind gesund und wir versuchen, unser Business in dieser völlig neuen Realität zu führen." Ihr helfe tägliches Meditieren, sagt die 34-Jährige. Und weil der Waschsalon in der Krise kürzere Öffnungszeiten habe, sei sie häufiger zu Hause bei ihrem Mann.

DER REGIE-ASSISTENT: NICHOLAS WEIGAND-SUMINSKI

Nicholas Weigand-Suminski hat den Prospect Park in seinem Viertel Park Slope in Brooklyn gleich um die Ecke. Dem 35-Jährigen ist es dort aber tagsüber zu Corona-Zeiten zu voll. "Meine Frau und ich haben deshalb eine gute Zuflucht auf dem Greenwood Friedhof gefunden", sagt er. Auf dem könne man trotz des morbiden Charmes verantwortungsvoll in der engen Metropole spazieren gehen, ohne sich und andere zu gefährden.

Bei seinem Job als Regie-Assistent in der Film- und Fernsehindustrie New Yorks hatte Weigand-Suminski Glück, dass sein letztes Projekt gerade zu Ende ging, bevor die umfassenden Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden. Seine Zeit während der Corona-Krise verbringt der Unterfranke unter anderem mit Gitarre spielen.

DIE DOULA: STEPHANIE HEINTZELER

Stephanie Heintzeler hat Covid-19 überstanden. Die Krankheit sei bei ihr relativ mild verlaufen, sagt die in Hessen aufgewachsene Heintzeler. Inzwischen war die 43-Jährige sogar schon im Krankenhaus, um sich auf Antikörper testen zu lassen und sich als Blutplasma-Spenderin anzubieten.

Heintzeler ist ausgebildete Hebamme und arbeitet in New York als Doula. Doulas übernehmen in den USA die nicht-medizinische Betreuung von Frauen während der Schwangerschaft sowie bei und nach der Geburt. Für den Zeitraum ihrer Krankheit standen glücklicherweise keine Geburten an, ihre Kundinnen konnte Heintzeler per Telefon oder E-Mail beraten. Die Zahl der neuen Anfragen sei allerdings "total zurückgegangen".

DIE BUCH-EXPERTIN: ULI BEUTTER COHEN

Die U-Bahn gehört normalerweise fest zum Leben von Uli Beutter Cohen dazu. Auf ihrem erfolgreichen Instagram-Profil "Subway Book Review" porträtiert die 38-Jährige Menschen in der U-Bahn und die Bücher, die sie lesen. "Es bricht mir das Herz, das sagen zu müssen, aber ich bin jetzt schon seit mehr als 50 Tagen nicht mehr U-Bahn gefahren", sagt Beutter Cohen. "Ich war krank, schon ganz am Anfang dieser Corona-Krise, und habe mich dann entschieden, mich in Quarantäne zu begeben."

Bislang weiß Beutter Cohen nicht, ob das Coronavirus sie krank gemacht hat, aber sie geht davon aus. Inzwischen gehe es ihr gesundheitlich wieder gut, sagt sie, aber finanziell sei die Krise eine große Herausforderung. "Ich musste drastische Veränderungen machen, um 'Subway Book Review' am Laufen zu halten, und das ist harte Arbeit. Aber es bringt vielen Menschen viel Freude gerade und das ist sehr wichtig." 

In der Krise sehe sie auch eine Chance, sagt Beutter Cohen. "Alle Menschen stehen zur Zeit vor demselben Problem und stellen sich dieselbe Frage: Wie sollen wir weitermachen? Das bietet uns die seltene Möglichkeit, Lebensbedingungen und Systeme zu verändern, die eigentlich schon immer kaputt waren, und zu fragen: Wie soll unsere neue Welt aussehen? Lasst sie uns gerechter machen, lasst uns eine Zukunft schaffen, in der alle Menschen und unsere Umwelt eine echte Chance haben."

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Webseite von Timo Vollbrecht

Webseite von Stephanie Heintzeler - The New York Doula

Waschsalon Celsious