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Am Haken durch die Schlucht Adrenalin-Tour im verschneiten Wallis: Canyoning im Winter

Die Klettersteige wurden im Sommer schon durchgespielt, Skifahren und Snowboarden ist Ihnen langweilig? Wie wäre es mit einer Klettertour bei Eis und Schnee? Auf zum Winter-Canyoning in die Schweiz.

Von Nathalie Helene Rippich, dpa 01.12.2025, 00:05
Nichts für Menschen mit Höhenangst: An einem Seil geht es zum Finale von einer Hängebrücke tief hinab.
Nichts für Menschen mit Höhenangst: An einem Seil geht es zum Finale von einer Hängebrücke tief hinab. Tom Malecha/Filme Von Draussen/Saastal Tourismus AG/dpa-tmn

Saas-Fee - Wandern in den Bergen - viele genießen das. Aber wem das ewige Auf und Ab bei aller Schönheit der Natur irgendwann dröge wird, der kann am Abenteuer-Tacho drehen: zu Klettergurt und Helm greifen und sich im Zickzackkurs eine Schlucht herunter wagen. Canyoning nennt sich das, und wer auf die Extra-Dosis Adrenalin steht, der macht das einfach im tiefsten Winter.

Ist das gefährlich, oder sieht es nur so aus? „Man muss schon wissen, was man macht“, sagt Bergführer Marc Derivaz, der uns - eine halbwegs sportliche Fünfergruppe - den Klettersteig Gorge-Alpine in der Feeschlucht in den Walliser Alpen herunter lotsen wird. Wir sind alle keine Extremsportlerinnen, wollen uns aber für ein paar Stunden so fühlen - und wenn es nur ist, um in einem sicheren Rahmen über unsere Grenzen zu gehen. Einmal raus aus der Komfortzone. 

Zum Auftakt ein „Gesperrt“-Schild

Wir starten in Saas-Fee, von wo Marc uns auf einen Weg führt, der mit einem „Gesperrt“-Schild markiert ist. Wir folgen, denn Marc kommt aus den Bergen, und wir sind uns sicher: Der weiß, was er tut. Ohne Guide sollte man hier allein wegen des vielen Schnee nicht unterwegs sein. 

Ununterbrochen fallen dicke Flocken vom Himmel, sammeln sich in Kapuzen, landen auf Nasen und Wimpern. Die Skipisten rund um das Saas-Tal sind wegen der Schneemassen und schlechter Sicht gesperrt. Das trägt zum Abenteuer-Feeling bei. Auch wenn vermutlich nichts wirklich gefährlich ist - sonst wäre Marc mit uns nicht hier -, schwingt zumindest das Gefühl einer kleinen Gefahr mit. 

Es geht bergab, vorbei an einer Kapelle. Der tiefe Neuschnee, in dem wir alle paar Meter versinken, sorgt für Gekicher. Die Steigeisen, in die wir im Parkhaus oberhalb des Wegs geschlüpft sind, wirken unnötig. Wir bewundern die verschneite Landschaft, und haben genug Puste, um zu plaudern. 

Welche Tiere es hier gibt, wollen wir wissen: „Gämsen, Steinböcke, im Sommer Murmeltiere, sowas“, sagt Marc kurz angebunden. Er ist kein Mann vieler Worte, aber seine Kommunikation ist klar - das wird später noch hilfreich. 

Wer Höhenangst hat, bekommt ein Problem

Wir spazieren auf einer kleinen Brücke über die Schlucht. Wasser rauscht, der Schnee unter unseren Schuhen knirscht, sonst hört man nur das Klimpern der Karabiner an unseren Klettergurten.

Marc erklärt uns, was wir jetzt tun werden: An einer Seilrutsche soll es quer über die Schlucht gehen, über Felsen, einen eisigen Wasserfall und türkisblaues Wasser viele Meter unter uns. Das Ziel: die ziemlich steile Felswand gegenüber, ein schmaler Vorsprung stellt die Landebahn. Bis hier war der Ausflug vor allem schön, jetzt wird es spannend. 

Der Schnee, der nach wie vor ununterbrochen vom Himmel rieselt, und der Wind, der durch die Schlucht weht, wirken während des „Flugs“ wie eine Kältetherapie zur Hautstraffung. Aber keine Zeit, um über Anti-Aging nachzudenken: Wer es über die Schlucht geschafft hat, hakt sich aus, sichert sich und macht Platz für die nächste Person. 

Dafür geht es über mehrere Leitern, die senkrecht an der Steilwand herunter angebracht sind, weiter nach unten. Wer Höhenangst hat, bekommt spätestens jetzt ein Problem. 

Hier sollten wir nicht vergessen, was Marc uns vorher eingebläut hat, und woran er uns immer wieder erinnert, als wir uns von einem Stahlseil geführt die Schlucht entlang arbeiten: Einer der beiden Karabiner, muss immer geschlossen sein. Wir müssen immer mindestens einfach gesichert sein. Vergessen wir das und rutschen aus, würde es mehrere Meter nach unten gehen, wo Felsen und eiskaltes Wasser warten. 

Ich gehe voran. Wenn ich die kleinen Metallstiegen, die an der Steilwand installiert wurden, nicht sofort sehe, soll ich mit dem Fuß vorfühlen und sie vom Schnee befreien, trägt Marc mir auf. Er folgt als Letzter, als alle anderen ebenfalls den Weg über die Schlucht gefunden haben. 

Fast routiniert absolvieren wir mit der nächsten Seilrutsche eine nach der anderen die zweite Schluchtüberquerung. Wir wissen jetzt, dass wir im Schritttempo rübergleiten und fest in der Sicherung hängen - aber dafür genug Zeit haben, die spektakuläre Umgebung zu betrachten. Dicke Eiszapfen hängen von den Wänden, massives Gestein ragt in die Höhe und in die Tiefe. 

Am Ende der Seilrutsche angekommen, machen wir wie die Bergziegen unseren Weg entlang der Steilwände, überqueren wackelige Brücken, immer schön gesichert. Wir wissen dabei nicht, was uns mehr beeindruckt: der Blick nach oben oder der nach unten. 

Wie Tarzan und Jane - nur mit Fangnetz

Und dann entdecken wir über uns eine Art Liane aus dickem Draht. Sie hängt hoch über unseren Köpfen von einem Felsvorsprung herunter. Wir überlegen, ob sich von da oben ganz Mutige abseilen, um den Weg in die Schlucht zu finden. 

Marc hört sich unsere Vermutung an und sagt schließlich: „Die ist für euch“. Er will, dass wir uns in dieses Seil haken und wie Tarzan über die Schlucht schwingen. 

„Du gehst als Erste, du bist die Größte“, sagt er zu mir. So bestimmt, dass ich die Anweisung keine Sekunde hinterfrage. Angst habe ich nicht, aber ich bin aufgeregt. Er zeigt auf die andere Seite. Dort gibt es eine kleine Bank, dahinter ist ein Netz gespannt. „Wenn du drüben ankommst, ziehst du die Beine an. Du landest mit den Knien auf der Bank und greifst mit den Händen in das Netz“, erklärt er mir. 

Dann soll ich mich rechts am Netz sichern und wenn die anderen nach und nach angeschwebt kommen, mit der Hand die „Liane“ greifen. Es soll niemand zurückschwingen, sollte jemand das Netz nicht zu packen bekommen. Nun verstehe ich, warum ich als Größte vorgeschickt werde. 

Ein spektakuläres Unterfangen

Alles geht glatt, vermutlich hätte niemand meine Hilfe gebraucht, aber Marc zeigt mir von der anderen Seite der Schlucht einen Daumen hoch - gut gemacht. Er selbst und eine weitere Person, die hier kapituliert, wählen einen anderen Weg.

Sie hangeln sich entlang der Steilwand weiter, dicht an das Gestein gepresst, Stiege für Stiege, Haken für Haken. Ob das der weniger schwindelerregende Weg ist, bleibt zu bezweifeln. Von der anderen Seite sieht das Unterfangen ziemlich spektakulär aus. 

Ein Stück die Schlucht herunter treffen wir uns an einer Hängebrücke wieder. Ein paar Schritte entlang der Felsen weiter wartet die nächste Rutschpartie am Seil - sie führt in ein schwarzes Loch. 

Dort angekommen dauert es einen Moment, bis die Augen sich von der schneereflektierten Helligkeit draußen an das gedämmte Licht in der Höhle gewöhnt haben: wow. Ein riesiges Atrium eröffnet sich über uns, ein natürliches Deckenlicht, das den Ausgang aus der Höhle bildet, inszeniert diese filmreif.

Hier ist nun neben Schwindelfreiheit auch das erste Mal etwas mehr Geschick beim Klettern gefragt, vor allem für Menschen mit nicht ganz so langen Beinen. Der Weg von der kleinen Plattform, auf der man in der Höhle ankommt, zur Leiter, die viele Meter nach oben zum Ausstieg führt, erfordert große Schritte und Trittfestigkeit. Das Sichern auf der ellenlangen Leiter erfordert etwas Koordinationsfähigkeit. Alle paar Meter muss an den Befestigungen vorbei neu eingehakt werden - auf Hüfthöhe. Bloß nicht loslassen! 

Einmal wie James Bond fühlen

Und dann folgt das Finale: Eine lange Hängebrücke tut sich vor uns auf, sie erinnert an Dokus aus dem Himalaya. Marc geht vor und wartet in der Mitte vor einer Öffnung. Ein Seil führt von dort in die Tiefe. Eine nach der anderen hängen wir uns ein und werden abgeseilt - in einer Kulisse aus massiven Eiszapfen, die von den Felswänden herunterhängen wie spitze Zähne. Wir fühlen uns wie James Bond. 

Dann schlendern wir noch etwas durch verschneites Gelände, werden von einem Paar neugieriger Gämsen begleitet und erreichen den Ort Saas-Grund. Nach gut drei Stunden Natur pur sind wir zurück in der Zivilisation.

Links, Tipps, Praktisches: 

Reiseziel: Die Feeschlucht liegt in den Walliser Alpen und wird von oben über den Ferienort Saas-Fee erreicht. Sie liegt im entsprechenden Wintersportgebiet Saas-Fee/Saastal. Umgeben ist das Saastal von insgesamt 18 Viertausendern. 

Anreise: Mit dem Zug (wahlweise Nachtzug-Verbindung) über Basel, Zürich und Bern bis nach Visp. Von dort mit dem Linienbus weiter nach Saas-Fee. Alternativ mit dem Flugzeug bis Zürich und von dort weiter. 

Canyoning: Geführte Touren in der Feeschlucht werden das ganze Jahr über angeboten, mit Ausnahmen im Frühjahr, wenn vor allem im April die Schneeschmelze Wege teils unpassierbar macht. Gebucht werden kann unter saasfeeguides.ch; die Preise beginnen bei 200 Schweizer Franken, rund 215 Euro. 

Körperliche Grundfitness sowie Schwindelfreiheit sollten vorhanden sein, auch größere Kinder dürfen teilnehmen. Schwindelerregende Passagen können über Alternativrouten teils umgangen werden. Wer den Nervenkitzel im Winter haben will, wird außerdem in Graubünden bei Pontresina fündig. In der Sommersaison zwischen Mai und Oktober kann Canyoning vielerorts gebucht werden, etwa in Interlaken oder im Tessin. 

Wintersportgebiet: 150 Pistenkilometer erstrecken sich zwischen 3.600 und 1.500 Metern Höhe. Außerdem starten diverse Wanderungen etwa in Saas-Fee - so auch eine über den Feegletscher, die zu jeder Jahreszeit mit einem Guide absolviert werden kann.

Unterkunft: Im Saastal gibt es Ferienwohnungen, Ferienhäuser und Hotels mit unterschiedlichem Standard. Je nach Zeitpunkt der Reise variieren die Kosten. Preistipp: Etwas entferntere Unterkünfte sind zum Teil deutlich günstiger, Linienbusse fahren einen zum Ausgangspunkt für Skiabfahrten oder Wanderungen. 

Weiterführende Informationen: valais.ch/de; myswitzerland.com