Berlin (dpa) - Er war ein KZ-Häftling in "Nackt unter Wölfen", Kämpfer der internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg ("Fünf Patronenhülsen") und spielte den Exil-Schriftsteller Thomas Mann - Armin Mueller-Stahl hat in seinen Rollen die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie kaum ein anderer Schauspieler ausgelotet.

Und trotz aller Ernsthaftigkeit - er bleibt "im Herzen Gaukler", wie eine neue Biografie über sein Leben vor der Kamera heißt. An diesem Donnerstag (17. Dezember) wird Mueller-Stahl, der Konzertgeiger werden wollte und sich heute vor allem dem Zeichnen und der Malerei widmet, 90 Jahre alt.

Die Corona-Pandemie hat auch sein Leben eingeschränkt, Lesungen wurden gestrichen, auch Interviews in seinem Haus an der Lübecker Bucht gibt er zur Zeit nicht. Seit fast 40 Jahren ist er mit der Ärztin Gabriele Scholz verheiratet.

Jahrelang war Mueller-Stahl unterwegs zwischen Pacific Palisades bei Los Angeles und Deutschland. Denn da war ja auch Hollywood, wo er über Nebenrollen zu einem gefragten Charakterdarsteller avancierte. Mueller-Stahl spielte in Filmen wie "Bittere Ernte" und "Oberst Redl" mit und in Jim Jarmuschs Kultfilm "Night on Earth" einen New Yorker Taxifahrer. 1996 wurde er für seine Rolle als Vater in "Shine"" für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert.

Dabei hatte der in Tilsit geborene Sohn eines ostpreußischen Bankangestellten eigentlich Musiker werden wollen. In einer künstlerisch begabten Familie aufgewachsen - sein Bruder Hagen wurde ein bekannter Theaterregisseur -, studierte er zunächst Musikwissenschaft und ließ sich als Violinist ausbilden. Irgendwann ging ihm das Üben auf die Nerven, er wechselte zur Schauspielerei - "die einfachste Art, Brötchen zu verdienen", wie er fand.

Dass er wegen angeblich mangelnden Talents von der Schauspielschule flog, störte für das Fortkommen nicht weiter. Er schaffte es auch ohne Abschluss. Fast 25 Jahre war Mueller-Stahl beim Berliner Theater am Schiffbauerdamm und später bei der Volksbühne verpflichtet. Mit Filmen wie "Königskinder" (1962), "Nackt unter Wölfen" (1963) und "Tödlicher Irrtum" (1970) wurde er zum Publikumsliebling - was allerdings nicht die SED-Oberen einschloss.

Politisch blieb Mueller-Stahl eher zurückhaltend. Vor dem Mauerbau lebte er in West-Berlin, blieb dann im Osten, durfte ausreisen - und kehrte immer wieder zurück. "Ich wollte mich nicht wegschleichen aus diesem Land", berichtete er seiner Biografin Gabriele Michel. Doch arrangieren mit dem System wollte er sich auch nicht.

Als er 1975 zwei Folgen der beliebten TV-Serie "Das unsichtbare Visier" dreht, in der er als Achim Detjen einen sozialistischen Agenten im West-Einsatz spielt, kommt es zum Bruch. Die Serie hat die Weihen der Stasi, aber er verscherzt es sich mit dem Minister Erich Mielke. "Vorsicht, der Bart fuselt!", sagt er zum Stasi-Minister, als dieser ihn bei einer Preisverleihung umarmen will. "Was eigentlich lustig von mir gedacht war, verkehrte sich ins Gegenteil."

Als er die Resolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 unterschreibt, bekommt er für drei Jahre kaum mehr Rollen, auch seine Chanson-Texte fallen der Zensur zum Opfer. Seine Übersiedelung nach West-Berlin 1980 muss er mit einem Brief an Erich Honecker buchstäblich erbetteln. "Ich bitte um nichts, außer dass ich behandelt werde wie jemand, der diesem Land auch genützt hat."

Rainer Werner Fassbinder öffnet in dem Film "Lola" den Eintritt in eine zweite Karriere. Mueller-Stahl arbeitet mit Regisseuren wie Bernhard Wicki, Axel Corti oder Alexander Kluge zusammen, als ungarischer Emigrant in Costa-Gavras' "Music Box", als polnisch-jüdischer Großvater in "Avalon" oder als Ghetto-Arzt im Remake von "Jakob der Lügner".

Für seinen Auftritt in Heinrich Breloers TV-Dreiteiler "Die Manns" (2001) wird er mehrfach ausgezeichnet. In der Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm verleiht er Mann seinen Körper und seine Stimme, wie er danach in einem Interview erzählt.

Vor rund 15 Jahren entschloss sich Mueller-Stahl, seine Filmlaufbahn in den USA weitgehend zu beenden. Er habe Hollywood und die Schauspielerei ausgekostet, das Kapitel sei abgeschlossen. Er müsse nicht mehr mit hängender Zunge von einem Film zum nächsten rennen und auch niemandem mehr beweisen, dass er noch gut im Geschäft sei.

In der Kunst, so schreibt der Autor Frank-Burkhard Habel in der lesenswerten Filmbiografie "Im Herzen Gaukler", habe Mueller-Stahl alles Schwere hinter sich gelassen. "Diese Fähigkeit, dem Alltag zu entfliehen, ist dem alten Gaukler bis heute eigen."

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