Paris (dpa) - Gedreht hat Jean-Jacques Annaud die Geschichte in Kanada, die Bilder dazu sollen fantastisch sein - wie immer bei dem französischen Regisseur. Doch diesmal ist das Ergebnis nicht für das Kino bestimmt. Nach langen Jahren erfüllt sich Annaud einen Wunsch: Von der Leinwand auf den Bildschirm zu wechseln.

Seinem Streben nach Herausforderung bleibt er aber treu. Denn mit seinem neuen Projekt hat sich Annaud, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, an die Verfilmung eines Bestselllers gemacht.

"Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" von Joël Dicker erschien 2012. Der Roman handelt von dem berühmten Schriftsteller Harry Quebert, der in seinem Garten die Leiche einer seit 30 Jahren vermissten Teenagerin findet. Der Krimi begeisterte Publikum und Fachwelt gleichermaßen, die den damals 28-jährigen Genfer zu einem Phänomen erklärten und sein Buch, das in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde, zu einer Sensation.

Mit der Verfilmung dieser Geschichte kehre er gewissermaßen zu seinen Ursprüngen als Werbefilmer zurück, erklärte der Regisseur. Er habe seit Jahren schon mit dem Gedanken gespielt, sich dem Fernsehen zu widmen, weil er darin einen neuen Freiheitsspielraum sehe, zitiert ihn die französischsprachige Schweizer Zeitung "Le Temps". Außerdem kehre er damit wieder zu den Drehmethoden und einer Art von Spontaneität zurück, die er als Werbefilmer kannte.

Aus dem rund 700-seitigen Buch hat Annaud eine zehnteilige Serie von insgesamt acht Stunden gemacht. Erste Ausschnitte wurden in Cannes zur Eröffnung des ersten Fernsehserien-Festivals "Canneseries" im April 2018 gezeigt - mit vielen positiven Reaktionen. Eigentlich hatte man eine ganze Episode erwartet, doch damals war noch keine fertig. Nun soll die Serie im französischen Fernsehen im Herbst starten.

Annaud gilt als bildgewaltiger Regisseur und seine Filme sind nur schwer zu kategorisieren. Seine Karriere begann er mit der Regie von TV-Werbespots. Sein Debüt "Sehnsucht nach Afrika" aus dem Jahr 1976 ist eine Satire auf den Kolonialismus im Ersten Weltkrieg. Darin fließen seine Erfahrungen als Entwicklungshelfer in den 60er Jahren in Kamerun ein.

Für den Film, der unter anderem in Korhogo an der Elfenbeinküste gedreht wurde, erhielt er den Oscar für den besten ausländischen Film. Auch sein dritter Film "Am Anfang war das Feuer" wurde preisgekrönt. Für die Geschichte über eine Neandertaler-Gruppe während der Steinzeit wurde er mit den begehrten französischen Césars für den besten Film und die beste Regie ausgezeichnet. Einen César für die beste Regie erhielt er auch für den Tierfilm "Der Bär".

Der amerikanische Regisseur und Produzent Billy Wilder habe ihm einst den Rat gegeben, sich nicht zu wiederholen, erklärte Annaud in Cannes. Dieser Maxime ist er ständig gefolgt. Mit "Der Name der Rose" von Umberto Eco aus dem Jahr 1986 hatte er sich an die Verfilmung des 500-seitigen gleichnamigen Bestsellers gewagt. Im Jahr 1992 kam seine Verfilmung der gleichnamigen autobiografischen Erzählung "Der Liebhaber" von Marguerite Duras in die Kinos, 1997 folgte "Sieben Jahre in Tibet".

Mit dem Stalingrad-Film "Der Feind vor den Toren" - die authentische Geschichte eines russischen Bauernjungen und Scharfschützen - drehte er mit rund 90 Millionen Euro einen der teuersten europäischen Filme. Mit "Der Zorn der Wölfe" verarbeitete er mit 20 Millionen verkauften Exemplaren und Übersetzungen in über 15 Sprachen einen der erfolgreichsten Romane der chinesischen Literatur. Das Budget belief sich auf rund 30 Millionen Dollar, 80 Prozent stammten von chinesischen Geldgebern.

Viele seien an der Verfilmung von "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" interessiert gewesen, auch Steven Spielberg, wie Dicker dem Westschweizer Fernsehen RTS sagte. Doch sein im Januar verstorbener französischer Verleger Bernard de Fallois habe sich für Annaud entschieden. Was man mit Blick auf die erfolgreichen Literaturverfilmungen Annauds nachvollziehen kann.