New York (dpa) - Herbie Hancock liebt Regeln - weil er sie brechen kann. "Ich entdecke immer wieder gerne neue Regeln, um sie dann zu brechen", sagte der Jazz-Pianist jüngst dem britischen "Guardian". "Ich schaue mich um und sehe, was in der Musik zur Konvention geworden ist. Und dann überlege ich mir, wie ich das brechen kann. So entsteht Innovation, das hält mich am Laufen."

Auch wenn Hancock, der heute 80 Jahre alt wird, oft als "König des Jazz" gefeiert wird - der Jazz alleine war ihm noch nie genug. "Ich schaue immer nach einem Weg, mich weiterzuentwickeln, Dinge auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen, und nicht einfach nur immer wieder dasselbe zu machen. Das ist mein Wesen. Ich bin von Natur aus sehr neugierig, so war ich schon als kleines Kind."

Seit mehr als einem halben Jahrhundert gilt der Pianist als einer der erfolgreichsten Komponisten und Interpreten des Jazz. Gleichzeitig macht er auf seinen mehr als 200 Alben und unzähligen Konzerten immer wieder Ausflüge in Klassik, Folklore, Rhythm & Blues, Rock, Pop und Rap. Kritik von Puristen ignoriert er. "Ich muss meinen eigenen Überzeugungen treu sein, dass ist der einzige Weg, sich selbst zu respektieren."

Zahlreiche Grammys und sogar einen Oscar hat ihm das schon eingebracht. Derzeit interessiere er sich zum Beispiel für virtuelle Realität und die Musik des Rappers Kendrick Lamar, erzählte Hancock vor kurzem der "New York Times".

Geboren wurde Herbert Jeffrey Hancock 1940 in eine afroamerikanische Mittelstandsfamilie in Chicago als Sohn eines Lebensmittelhändlers und einer Sekretärin hinein und nahm schon als kleiner Junge Klavierunterricht. Bald darauf gab er Konzerte und schaffte schon mit seinem Debütalbum "Takin' Off" 1962 den Durchbruch. Der darauf veröffentlichte Song "Watermelon Man" gilt bis heute als eines der einflussreichsten und bedeutendsten Jazz-Stücke überhaupt.

1963 stieg er in das Quintett des legendären Miles Davis ein. Damals sei er selbst noch "ein richtiger Jazz-Snob", ein Purist, gewesen, erinnert sich Hancock. Doch weil Davis alles hörte - Jimi Hendrix, Manitas de Plata, Cream und die Rolling Stones - öffnete sich auch Hancock anderen Einflüssen, "weil ich so hip und cool wie Miles sein wollte". Der neugierige Jazztrompeter Davis ist für Hancock der "King of Cool".

Auch vor der Vertonung von Werbespots, Filmen und TV-Serien schreckte Hancock nicht zurück. Er komponierte die Musik für den Action-Streifen "Ein Mann sieht rot" (1974) mit Charles Bronson und bekam einen Oscar für den Soundtrack von Bertrand Taverniers Jazz-Film "Round Midnight" (1986). Mitte der 80er Jahre dockte er mit "Future Shock" erfolgreich an den Hip-Hop an. Zuletzt veröffentlichte er 2010 das Album "The Imagine Project", mit dem er an John Lennon anknüpfte und Stars wie Seal, Pink, Anoushka Shankar, die Dave Matthews Band und Juanes zusammenbrachte. Auf Tournee geht er immer noch gerne. Bis ins Jahr 2021 hinein hat er schon Konzerte angekündigt.

Aber nicht immer hat seine Neugier ihm nur Gutes eingebracht. In den 90er Jahren führte sie ihn auch zu einer Crack-Sucht, wie der praktizierende Buddhist in seinen Memoiren zugab. "Ich wollte sehen, wovon da alle redeten. Also habe ich es probiert. Als ich es zum ersten Mal inhaliert habe, wusste ich, dass ich einen großen Fehler gemacht hatte", sagte er dem Radiosender NPR. Hancock versucht, seine Sucht zu verstecken, und rutscht doch immer tiefer ab. Geholfen hätten ihm schließlich seine deutsche Frau Gudrun Meixner, mit der er seit 1968 verheiratet ist, und seine Tochter.

Nach einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik ist Hancock seine Drogensucht nun seit mehr als 20 Jahren los - und kann sein Leben wieder genießen. "Ich versuche jeden Moment in meinem Leben richtig zu kreieren. Und das ist doch auch genau das, was den Jazz ausmacht."