Braunschweig (dpa) - Verschwindet da gerade ein über Jahrzehnte gewohntes Ritual? Am Tag der Zeitumstellung werden sich viele Menschen wieder darüber bewusst, wie viele Uhren sie im Haushalt haben.

Der Wecker im Schlafzimmer, die Wanduhr im Wohnzimmer und das Display im Auto. Mit ein bisschen Drehen und ein paar Klicks ist aber alles wieder auf Zeit. Oder macht die Technik diese Gewohnheit am Sonntagvormittag längst überflüssig?

Für den Zeitforscher Karlheinz Geissler ist die Antwort klar: "Nur die Älteren stellen noch selbst um, für die Jüngeren ist die Zeit längst digitalisiert", sagt der 75-jährige emeritierte Professor aus München. Am Telefon spricht Geissler bewusst nur von einer "Zeigermanipulation", denn viel mehr sei das nicht, was wir auch an diesem Sonntag wieder machen. Um 3.00 Uhr werden die Uhren um eine Stunde auf die sogenannte Winterzeit zurückgestellt.

Faszination mechanische Uhr

Branchenkenner Guido Grohmann widerspricht: "Die Zeit des händischen Umstellens ist noch lange nicht vorbei", sagt der Geschäftsführer vom Bundesverband Schmuck und Uhren in Pforzheim. Mechanische Uhren hätten für viele Menschen etwas Faszinierendes. Sie freuen sich nach Grohmanns Worten regelrecht darauf, am Tag der Umstellung 25 Uhren zu justieren. Sein Verband vertritt nach eigenen Angaben mehr als 150 Unternehmen der Bereiche Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandten Industrien.

Im Wirtschaftsbericht des Verbandes für das Jahr 2018 heißt es zwar, dass etwa bei den Armbanduhren die Elektronikbranche den traditionellen Markt unter Druck setze und der Anteil mechanischer und quarzbetriebener Uhren sinke. In der Preisklasse ab etwa 1500 Euro ergibt sich Grohmann zufolge aber ein anderes Verhältnis - weniger digital, mehr mechanisch. "Uhren sind oft Prestigeobjekte", sagt Verbandschef Grohmann. Das gelte für die hochwertige Armbanduhr genauso wie für die alte aufbereitete Standuhr von Opa.

In seinem aktuellen Buch plädiert Zeitforscher Geißler dennoch für das Ende der "Uhrzeitgesellschaft". "Die Uhr kann gehen" heißt das Werk, in dem der 75-Jährige beschreibt, warum die oft als typisch deutsche Spezialität bezeichnete Pünktlichkeit in seinen Augen ausgedient hat. Tiefgreifende Verschiebung im Umgang mit Zeit zeige zum Beispiel die Wirtschaft. "Karriere macht nicht mehr der Pünktliche, sondern der Flexible", sagt Geißler.

Haben Uhren ausgedient?

Pünktlichkeit sollte aus Geißlers Sicht nicht mehr so hoch bewertet werden, schon gar nicht als Charaktereigenschaft. "Es kommt immer mehr dazwischen, so dass häufig umgeplant werden muss", beschreibt Geißler. Als Beispiel nennt er - beim Thema Pünktlichkeit fast erwartbar - die Bahn. "Die ist unpünktlich, weil sie sich langfristig auf eine Zeit festlegt", sagt der Autor. Wenn sie etwa von München nach Hamburg fahre, sei das eine lange Strecke, auf der viel passieren könne.

Haben Uhren, die Zeit und vor allem die Zeitumstellung also ausgedient? Nach einem schnellen Ende sieht es zumindest derzeit nicht aus. Denn ein Plan der EU-Kommission, dass die EU-Staaten schon 2019 zum letzten Mal an der Uhr drehen müssen, platzte. Das Projekt steht gänzlich in den Sternen. Positiv formuliert: Es ist noch Zeit.