Alte Liebe rostet eben doch

Bruno Pinkes will seinem lebenslangen Oldtimertraum nach 49 Jahren wieder Leben einhauchen

Bruno Pinkes aus Möckern versucht seit 49 Jahren, den vermutlich ältesten noch erhaltenen Mercedes der Stadt wieder auf die Straße zu bringen. Es wäre die dritte Wiedergeburt des Fahrzeuges seit seiner Herstellung vor 85 Jahren.

Von Stephen Zechendorf
Bruno Pinkes zeigt, an welcher Stelle nach dem Zusammenbau der Einzelteile die Scheinwerfer zu finden sein werden.
Bruno Pinkes zeigt, an welcher Stelle nach dem Zusammenbau der Einzelteile die Scheinwerfer zu finden sein werden. Foto: Stephen Zechendorf

Möckern - Gut Ding will bekanntlich Weile haben, und dass ein Mercedes Benz W21 Typ 200 Pullman Limousine - Baujahr 1936 - etwas Gutes ist, wird doch wohl keiner bezweifeln wollen. Besitzer dieser edlen Karosse ist der gelernte Autoschlosser Bruno Pinkes. Das Fahrzeug hat ihn sein Leben lang begleitet, seitdem er es zum ersten Mal gesehen hat.

17 Jahre alt war Bruno Pinkes damals. Im September 1968 begann er in der Firma von Fritz Nebel seine Lehre als Kfz- Schlosser: „Als ich in den Holzschuppen musste, um Holz und Kohlen zu holen, stand da der Mercedes Benz ohne Plane völlig verstaubt, aber auf allen vier Rädern ohne Plattfuß“, schreibt Pinkes in seinen Aufzeichnungen. Von da an ließ ihn dieses Auto nicht mehr los. Er wollte den Mercedes haben, aber sein Chef verlangte dafür 1200 DDR Mark.

Nach Kriegsende vor den Russen versteckt

Schon zu diesem Zeitpunkt hatte der Wagen eine bewegte Geschichte hinter sich. Fritz Nebel betrieb in der Grätzer Straße Nr. 6 einen Landmaschinenhandel und eine Reparaturwerkstatt mit Tankstelle. Nebel kaufte die Pullman Limousine 1936. „In den Kriegsjahren hatte dieses Auto eine Sonderzulassung für Taxi- und Krankenhausfahrten, Arzt- und Feuerwehreinsätze erhalten. Nur aus diesen Gründen durfte damit während des Krieges noch auf den Straßen gefahren werden“, erklärt Pinkes.

Kurz vor dem Einmarsch russischer Truppen in Möckern, wurde der Mercedes zerlegt. Die Karosserie stand im Holzschuppen unter einer Plane, Rahmen und Achsen versteckte man unter Stroh und Heu bei Bauern. Motor und Getriebe wurden von Frau Nebel selbst an der Rückwand eines Hühnerstalls eingemauert.

Aus den Verhören erfuhren die Russen dann doch vom Mercedes und suchten ihn. Gefunden wurde jedoch nur die Karosserie. „Vor Wut luden die Soldaten die Karosserie auf einen Lkw. Kurz hinter Möckern schmissen sie die Karosserie in den Straßengraben. In der Nacht holte sich Fritz Nebel mit Pferd und Wagen seine Karosserie wieder“, so Pinkes.

1958 konnte der Mercedes wieder zurück auf die Straße, bis er 1965 aus Mangel an Ersatzteilen stillgelegt wurde. So fand ihn der Lehrling Bruno Pinkes 1968.

Angebot nach der Wende: Neuwagen für den Alten

Ein Freund aus Tryppehna wurde überzeugt, das Auto zu kaufen, bevor es ganz aus Möckern verschwindet. Nach einigen Reparaturen rollte der Mercedes im September 1970 wieder auf den Straßen der Umgebung. Für Bruno Pinkes die Gelegenheit, wenigstens mitfahren zu dürfen. Bis Ende 1972 der Motor endgültig seinen Geist aufgab. Das Fahrzeug wurde wieder stillgelegt.

Bruno Pinkes kam von der Armee zurück und sparte. Im Juni 1975 kauft er für 1000 DDR-Mark seinem Freund endlich sein Traumauto ab. Doch es sollte noch viel Zeit vergehen, bis sich der Oldtimer-Besitzer seinem Schatz widmen konnte. Immer kam etwas dazwischen, waren andere Dinge wichtiger.

1976 machte sich Bruno Pinkes selbstständig, übernahm eine Werkstatt in der Hohenziatzer Chaussee. Dort wurde der Mercedes zerlegt, gereinigt und Teile überholt. Doch im Berufsleben gab es Aufträge, die Geld brachten, der alte Benz dagegen kostete nur.

Alter Mercedes zieht mit um

Es folgte 1979 der Umzug in die Loburger Straße 8. Hier entstand eine neue Werkstatt. Auch der Mercedes bekam einen neuen Stellplatz. Dann kam die Wende. Dem Möckeraner wurde angeboten, den alten Benz gegen einen fast neuen Mercedes zu tauschen. Bruno Pinkes zögerte, hörte auf seine Frau und lehnte ab.

Wieder einige Jahre später eröffnete Bruno Pinkes im Jahr 1995 das erste neue Autohaus im Gewerbegebiet Rutenweg. Der alte Mercedes zog mit um. Zwei Jahre vor der 1050-Jahr Feier der Stadt Möckern hoffte der damalige Bürgermeister Udo Rönnecke, den Mercedes im Festumzug einbauen zu können. Pinkes sagte zu: „Nochmals ging es los, alles wieder zu reparieren und aufzufrischen, was in den zurückliegenden 19 Jahren schon wieder verrostet war“, erzählt Pinkes. Alte Liebe rostet eben doch. Doch dann wird klar, dass er es bis zur 1050-Jahr-Feier niemals schaffen kann. Pinkes mietet zum Festumzug ein Mercedes-Cabrio mit Fahrer aus Berlin, um sein Versprechen an den Bürgermeister zu halten. Es wird wieder still um den Benz.

Dritte Wiedergeburt für August anvisiert

14 Jahre später im Juli 2011 baut Sohn Torsten zum 60. Geburtstag des Vaters heimlich den Mercedes mit allen Blechteilen grob zusammen. Mit Erfolg: Pinkes will es noch einmal anpacken. Mit der Übergabe des Autohauses an den Sohn findet Bruno Pinkes endlich Zeit, sich richtig um den Mercedes zu kümmern. Im November 2016 werden in einer Oldtimerwerkstatt die A-Säulen aus Holz ausgebessert, Kotflügel geschweißt und gewalzt und Trittbretter nachgebaut. Der Vorsatz, die Restaurierung darf nur soviel kosten, wie der Zeitwert dieses Autos beträgt, ist da schon Illusion.

Seit 2019 läuft der Motor wieder. Corona und familiäre Verpflichtungen sorgen für erneute Pausen, aber diesmal geht es weiter. Demnächst gehen die Karosserieteile zum Lackieren. Hoffentlich im August will Bruno Pinkes alle Teile zusammenbauen und mit seinem Oldtimer auf Möckerns Straßen fahren. Endlich.

Auf Hochglanz poliert oder mit Patina: Choke und Startknopf sind fertig für den Einbau im Oldtimer.
Auf Hochglanz poliert oder mit Patina: Choke und Startknopf sind fertig für den Einbau im Oldtimer.
Foto: Zechendorf
Sechs Pesonen passen in den Pullmann-Mercedes, wenn die Sitze wieder eingebaut sind.
Sechs Pesonen passen in den Pullmann-Mercedes, wenn die Sitze wieder eingebaut sind.
Foto: Zechendorf
Oben der Möckeraner Original-Benz, unten ein restauriertes Modell.
Oben der Möckeraner Original-Benz, unten ein restauriertes Modell.
Foto: Zechendorf