Burg/Genthin l Stress – sechs Buchstaben, hinter denen massive körperliche Symptome wie Schlaflosigkeit und Schmerzen stecken können. Was diesen auslöst? Hängt von der Person ab. Was jedoch für alle gilt: Zu viel davon macht krank, körperlich und geistig. Umso wichtiger ist es, einfach mal nichts zu tun, beispielsweise heute, am „Tag des Nichts“ (engl. National Nothing Day)

Den zelebrieren heute auf der anderen Seite des Ozeans die Amerikaner. Mehr „Nichts“ wäre indes auch gut für das Jerichower Land. Allein in 2017 sind laut DAK-Gesundheitsreport die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen je 100 Arbeitnehmer um 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Eine bundesweite Umfrage von der Techniker Krankenkasse (TK) zeigt zudem: 60 Prozent der Deutschen fühlen sich häufig oder oft gestresst.

Nur – kann das Gehirn überhaupt abschalten, an nichts denken? „Nein“, erklärt Dr. Claudia Glöckner, Oberärztin im Awo-Fachkrankenhaus Jerichow für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Neurologie. „Egal, ob wir einfach nur sitzen oder zufällig einen Vogel sehen: Wir denken immer an irgendetwas“, weiß die Medizinerin.

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60 Prozent sehr häufig oder oft gestresst

Besagtes Nichts in „an nichts denken“ müsse man immer als „Auszeit“ verstehen, nicht als nicht-denken. Klingt kompliziert, und das sind die biochemischen Prozesse, die im Kopf ablaufen auch. Wie aktiv das Hirn unter bestimmten Umständen ist, lässt sich mit einer Elektroenzephalografie (EEG) messen. „Eine Aktivitätsfrequenz gibt es immer, auch im Schlaf“, so die Medizinerin. Das Gehirn „arbeitet“ also immer, um Atmung und Kreislauf aufrechtzuerhalten. Ein Automatismus im Kopf, der lebensnotwendig ist. „Diese Funktionen können wir kaum beeinflussen, unsere Gedanken dagegen schon“, so die Oberärztin.

Will heißen: Dass das Gehirn permanent aktiv ist, ist erst einmal gut. Schlecht ist eine anhaltende Überreizung, beispielsweise durch Überarbeitung. Dann droht im schlimmsten Fall ein „Burn-Out“. Eigentlich die Bezeichnung für den Zeitpunkt, in dem das Triebwerk einer Rakete komplett verglüht ist und der antriebslose Flug beginnt, steht der Begriff heute für den Zustand emotionaler und körperlicher Antriebslosigkeit.

„Burn Out“ avanciert mittlerweile zur Volkskrankheit. Jeder zweite Bundesbürger sieht sich laut einer Umfrage der Krankenkasse „pronova BKK“ davon bedroht. Das Fehlen von Ruhepausen, das letztendlich zum „Ausbrennen“ führt, wirkt sich noch weiter aus. „Es gibt Studien, die belegen, dass der Zustand der Entspanntheit direkten Einfluss auf unser Immunsystem hat“, so Glöckner.

Gegentrend zum Dauerstress: Achtsamkeit

Die Lösung klingt leicht – einfach mal entspannen. Nur: „Wir haben es teilweise verlernt, uns richtig zu entspannen“, betont die Oberärztin. Immer schneller, besser, höher, weiter – Stillstand und Innehalten sind in den letzten Jahrzehnten stets negativ betrachtet worden.

Ein aktueller Gegentrend dreht sich seit einigen Jahren um das Thema „Achtsamkeit“. „Dabei soll man Dinge, die alltäglich erscheinen, mit Neugier und Entdeckergeist betrachten“, erklärt Claudia Glöckner.

Was Entspannung konkret für den Einzelnen bedeutet, hängt von den eigenen Vorlieben ab. „Ich nutze zur Entspannung gerne Klangschalen“, so die Medizinerin. Dafür nimmt sie die Schale in die Hand, schlägt mit dem Schlegel sachte gegen das Gefäß und fühlt den Schwingungen nach.

Von diesen Auszeiten profitiert letztlich auch die Arbeit. „Nichtstun erhöht auf lange Sicht das Tun“, so die Medizinerin. Wer regelmäßig eine Pause einlegt, von der stressigen Arbeit und den anstrengenden Verpflichtungen, sammelt so wieder Kraft und Kreativität für anstehende Aufgaben. Also einfach mal Nichtstun für das Tun, am „Tag des Nichts“.