Burg/Genthin l Groß war die Verunsicherung in der Kosmetikbranche. Mitte April besagte die Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus, dass sich lediglich die Friseure darauf vorbereiten sollen, am 4. Mai wieder zu öffnen. Voraussetzung war ein strenges Hygienekonzept. Von Kosmetik-, Tattoo- und Nagelstudios war überhaupt keine Rede. Dann bekundete Sachsen-Anhalts Arbeitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD), die einzelnen Zweige als Gesamtpaket wieder öffnen zu wollen. Zu wollen, nicht zu werden.

Und Nancy Vasen erwischte ein wahrer Shitstorm. „Ich werde beschimpft, weil ich noch nicht wieder öffne, ob ich keine Lust hätte, zu arbeiten“, beklagte sich die Besitzerin des Genthiner Nagel- und Wimpernstudios „Fühl dich wohl“ bei der Volksstimme. Das Gesundheitsamt habe ihr das Verbot bestätigt, eine Berufsvertretung, die die Studios auf dem Laufenden halte, gebe es nicht. Jeder müsse sich selbst informieren.

Hohe Kosten für Hygienemaßnahmen

„Wir sind zwar in der IHK organisiert, aber Nageldesignerin ist kein anerkannter Beruf“, erklärte die 36-Jährige eine Woche vor der entscheidenden Konferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten. Am 2. Mai wurde aus der Absichtserklärung schließlich ein grünes Licht und verkündet, dass auch die Nagelstudios zwei Tage später wieder öffnen dürfen.

„Es war eine anstrengende erste Woche, aber ich bin froh, wieder arbeiten zu dürfen“, zog die Nagelstudiobesitzerin im Gespräch mit der Volksstimme Bilanz. Fast acht Wochen hatte sie nicht öffnen dürfen, keinen Umsatz gemacht, erst recht keinen Gewinn erwirtschaftet. „Meine Miete wurde mir auch nicht erlassen, wie ich es von Kolleginnen aus anderen Bundesländern gehört habe“, sagte sie. So sei die einzige Unterstützung die Soforthilfe vom Land gewesen. Zwar habe es auch drei Wochen bis zur Genehmigung gebraucht, sie wisse aber, dass bei der Investitionsbank hart gearbeitet worden sei und der Umgang sei auch sehr menschlich gewesen.

Untätig war sie in der Zeit der Zwangspause aber nicht, sondern erkundigte sich, was sie denn wohl investieren müsste, um auch ihr Studio wieder öffnen zu können. Im Nagelstudio gehe es allerdings schon hygienischer als in anderen Geschäften zu. So bekomme der Kunde immer die Hände desinfiziert, trage stets eine Schutzmaske. Sie orientierte sich an den Friseuren – „Für uns Nagelstudios gibt es nämlich bis heute kein Hygienekonzept“ – sah sich nach Plexiglastrennwänden und Spendern für Desinfektionsmitteln um. Und staunte über die Preise. „Es gibt Spender für 280 Euro, Trennscheiben kosten etwa 200 Euro“, nannte sie Beispiele. Mit zwei Hygienekursen hat sie sich speziell auf die Wiedereröffnung vorbereitet.

Umkämpfter Markt in der Region

Die Preise hat sie nicht erhöht, noch nicht, will erst einmal abwarten, wie lange die verschärften Hygienemaßnahmen andauern, zu denen auch das Desinfizieren des Platzes nach jedem einzelnen Kunden sowie der Gebrauch von Papierhandtüchern gehören. Andererseits sei der Markt sehr umkämpft, auch im Jerichower Land.

Schutzmasken würden den Kunden auch zur Verfügung gestellt. Allerdings dürften sie die absetzen, wenn sie hinter der Trennwand sitzen. Eine Behandlung dauere im Durchschnitt eineinhalb Stunden, da bekommen ältere Kunden schon Atemprobleme. Ja, auch ältere Kunden besuchen Nancy Vasens Studio. „Meine älteste Kundin ist um die 80“, erzählte sie stolz. Die Jüngsten sind 18 Jahre alt, ab 16 geht es nur mit der Genehmigung mit Eltern.

Auch wenn der Betrieb langsam wieder in Richtung Normalität geht, Kritik hat sie. Beispielsweise an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). „Der hat gesagt, dass Deutschland hervorragend vorbereitet ist, dass ausreichend Schutzmasken und Desinfektionsmittel zur Verfügung stehen, da habe ich andere Erfahrungen gemacht“, sagte sie. Und dass die Wimpernverlängerung in Sachsen-Anhalt anders als in anderen Bundesländern nicht erlaubt ist, bedauert sie. „Es ist eine tolle Sache, einer Kundin einen schönen Augenaufschlag zu verpassen“, schwärmte sie. Allerdings, und da waren die Gedanken zurück in der Coronasituation, „vielleicht würden es viele gar nicht drei Stunden unter der Maske aushalten.