Hintergrund

Am 3. Juni findet das nächste Treffen von ehemaligen Insassen des Jugendwerkhofes Burg statt. Beginn ist um 10 Uhr. Der Jugendwerkhof Burg „August Bebel“ war der größte seiner Art in der DDR. Hier waren ständig knapp 300 Jugendliche untergebracht und erlebten oft schlimme Zeiten. Er existierte von 1949 bis 1989. 1989 gab es 31 Jugendwerkhöfe mit 3336 Plätzen, von denen 2607 belegt waren.

Torsten Ehms, der Ende der 80er Jahre im Jugendwerkhof Burg war, arbeitet diese Zeit mit Fotografieren auf. Eine Ausstellung „Vergangenheit bewältigen“, die auch in Genthin zu sehen war, wird in diesem Jahr auch noch im Landtag in Magdeburg, in der Gedenkstätte am früheren Grenzübergang Marienborn und bei der EU in Brüssel gezeigt werden.

Volkmar Jenig saß Ende der 60er Jahre 18 Monate im größten Jugendwerkhof der DDR, in Burg, ein. Seit 2015 hat der Leipziger die Organisation von Ehemaligen-Treffen in Burg übernommen. Unter dem Titel „muss ich verzeihen? - verstoßen - gedemütigt - misshandelt“ hat er jetzt seine Erinnerungen an die Heimzeit veröffentlicht. Bestellt werden kann das Buch unter Email: muss-ich-verzeihen@t-online.de. (am)

Burg/Magdeburg l „Wir wollen Impulse geben. Es gibt enormen Gesprächsbedarf“, sagte Dr. Wiebke Janssen, Leiterin des Dokumentationszentrums des Bürgerkomitees Magdeburg. Das ist Auftakt und Resümee einer Veranstaltung rund um das Thema „Heimkinder“, zu der gut 70 Betroffene und Interessierte jüngst in den Räumen der Gedenkstätte am Moritzplatz in Magdeburg zusammenkamen. Heimkinder in der DDR und in der alten Bundesrepublik haben oft im Ergebnis ähnliche Demütigungen, Missbräuche, Diskriminierungen und Ausbeutung erlitten, obwohl die politischen Systeme sehr unterschiedlich waren. Diese Auffassung vertritt der Bochumer Wissenschaftler Dr. Uwe Kaminsky.

Dr. Uwe Kaminsky von der Ruhr-Universität Bochum forscht seit Jahren zur Situation ehemaliger Heimkinder in kirchlichen Einrichtungen der Bundesrepublik und in DDR-Einrichtungen. Der Historiker sieht sowohl Ähnlichkeiten wie auch Unterschiede in der Heimerziehung in West und Ost.

Ähnliche Ergebnisse

Während in Westdeutschland die Institution Heim den Anspruch als „Ersatzfamilie“ erhob, sollte in der DDR die staatlich verordnete Doktrin einer „sozialistischen Lern-, Arbeits- und Lebensgemeinschaft“ durchgesetzt werden. In der Praxis seien jedoch in beiden Systemen Formen vielfältiger Diskriminierungen von Heimkindern zu beobachten, wie Demütigungen, körperliche und seelische Misshandlungen, sexueller Missbrauch sowie Ausbeutung durch Arbeit.

Zwischen 1945 und 1975 gab es in der alten Bundesrepublik etwa 800 000 betroffene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zum 21. Lebensjahr. Es gab vor allem in kirchlichen Einrichtungen etwa 130 000 Heimplätze. In der DDR waren zwischen 1949 und 1989 etwa 495 000 Menschen betroffen. Die DDR hielt etwa 30 000 Heimplätze vor.

Die Existenz von Heimkinderfonds Ost und West ist für den Wissenschaftler Kaminsky ein ganz klarer Beleg dafür, dass auf beiden Seiten Betroffenen viel Unrecht und Leid widerfahren sei.

Geld entschädigt nicht

„Den meisten Ehemaligen geht es heute ziemlich schlecht“, räumte Gundel Berger, Referatsleiterin der Anlauf- und Beratungsstelle DDR-Heimkinderfonds, ein. Bis Mitte 2018 sollen Entschädigungen aus dem inzwischen geschlossenen Fonds ausgezahlt werden. „Geld kann das erlittene Leid nicht entschädigen. Aber wir können heute in konkreten Lebenslagen ein wenig helfen.“

Das bestätigt auch Torsten Ehms, der heute in Erfurt lebt und Ende der 80er Jahre im Jugendwerkhof Burg einsaß, „weil ich nicht Russisch lernen, nicht in die FDJ wollte und dem Regime nicht passt habe“. Er sieht das Hauptproblem für die Ehemaligen darin, dass „der Staat so gut wie nichts bei der Rehabilitation Betroffener tut. Wir haben nichts getan und sollen das beweisen. Wir können es aber nicht, weil Unterlagen fehlen.“

Gesprächskreis geplant

Das bestätigt auch Volkmar Jenig aus Leipzig. „Der Staat macht sich keine Gedanken.“ Jenig saß Ende de der 1960er, Anfang der 1970er Jahr im Jugendwerkhof Burg ein. Das war eine von etlichen Heimstationen, die er in seiner Kindheit bis zum 18. Lebensjahr durchlebt hat.

„Die Kirche schweigt“, klagte ein Betroffener. Er sei in einem der wenigen kirchlichen Heime aufgewachsen, nachdem seine Eltern ohne die Kinder in die BRD gegangen waren. Dass er noch Schwestern hatte, erfuhr der Mann erst nach der Wende. „Meine Schwester ist ein fremder Mensch für mich.“

Qualifikation fehlt

Marina Ahne von der Vereinigung der Opfer des Stalinismus hält die Qualifikation von Mitarbeitern in zuständigen Behörden für oft nicht ausreichend, um Sachlagen Betroffener richtig zu bewerten und aufzuarbeiten.

Der Umgang mit Betroffenen sorgt auch Birgit Neumann-Becker, die Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Er gehe „an die Ehre der Betroffenen“. Sie sagte Unterstützung beim Auffinden von Unterlagen zu. Gegründet werden soll ein Gesprächskreis für ehemalige Heimkinder.

„Repression zieht sich wie ein roter Faden durch die DDR-Geschichte, das ist erschreckend“, fasste Gabriele Brakebusch ihre Eindrücke zusammen. „Es ist erschreckend, wie das auf die Heime durchgeschlagen ist“, sagte die Landtagspräsidentin und CDU-Politikerin sichtlich bewegt.