Burg/Niegripp l Horst Wagener ist mit und an der Elbe groß geworden. Das Vorland des Flusses, der schon mehrfach seine gefährliche Seite gezeigt hat, war seine Kinderstube inmitten der Natur und alten Bäume, die ihre eigenen Geschichten erzählen könnten und ganz nebenbei für jede Menge Schatten und saubere Luft sorgen. Hier stehen sie und strotzen im saftigen Grün – mächtige Eichen, die unzählige Male zum Klettern oder Spielen eingeladen haben. „Selbst viele auswärtigen Radfahrer bewundern die stattlichen Eiche, die sich richtig entfalten konnte“, sagt Wagener. Auch Monique Struch spricht von vielen schönen Stunden, die sie als Kind erlebt hat. Dass nun ein Exemplar für den künftigen Deichverlauf weichen soll, trifft die Anwohner tief ins Mark. Sie wollen den Baum retten, an den so viele Erinnerungen hängen und der mit zum Ort gehört. Der Kampf allerdings ist mehr als schwierig, weil der Hochwasserschutz genauso wichtig ist.

Keine andere Lösung?

Wagener ist nicht gegen eine Erneuerung des Deiches. „Es ist ohne Frage wichtig, dass der Ort und Menschenleben geschützt werden“, sagt der Familienvater und kann sich den Blick ohne diese Eiche trotzdem nicht vorstellen. „Hätte man keine andere Lösung mit dem Baum finden können?“ fragt er besorgt.

Sein Nachbar Peter Schlüter wird noch deutlicher und klagt das Unternehmen Kali und Salz auf der anderen Elbseite an, das sich tief unter Niegripp gebohrt hat. „Weil nicht verfüllt wird, sondern auf Halde gelagert wird, muss der Elbort darunter leiden. Das kann und darf nicht sein.“ Sein Vorwurf: Der Deichbau in der beabsichtigten Höhe hänge auch damit zusammen, dass sich das Dorf in den kommenden Jahrzehnten weiter senken werde. Und überhaupt hätte der Schutz des Baumes nicht die oberste Priorität gehabt. Das jedoch will Marco Schirmer nicht stehen lassen: Er leitet den Flussbereich Genthin des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW). „Ich habe die Planungen von Anfang an begleitet. Wir haben es uns mit der Eiche überhaupt nicht leicht gemacht. Trotz allem kann ich die Einwohner auch verstehen. Die Reaktion ist menschlich nachvollziehbar.“

Verlauf wird geändert

Fakt sei, dass der Verlauf des Deiches in dem Abschnitt geändert werden müsse. Unter anderem wegen mehrerer Schwachpunkte in diesem Bereich. Auch der Schutz des Baumes mit Hilfe von acht bis zehn Meter langen Spundbohlen sei in Erwägung gezogen worden. Das hätte laut Schirmer aber „mit Sicherheit“ dazu geführt, dass die Wurzeln nach und nach abgestorben wären. „Letztlich und nach intensiver Abwägung mussten wir uns dazu entschließen, den Baum zu fällen.“ Und außerdem verbiete das Wassergesetz einen Baum „in der Hochwasserschutzanlage“. Dafür werde es vor Ort Ausgleichs- und Ersatzpflanzungen „in entsprechender Größe“ geben.

80 neue Bäume geplant

Das bestätigt auch der Landkreis als Untere Naturschutzbehörde gegenüber der Volksstimme. Auf Anfrage teilte Pressesprecherin Claudia Hopf-Koßmann mit, dass „80 neue Eichen-Hochstämme auf dem entsprechenden Grundstück“ gepflanzt werden. Eine Alternative zur Fällung der Eiche sieht der Landkreis nicht. In einer Stellungnahme heißt es: „Alle anderen technischen Varianten wie beispielsweise die Rammung einer Spundwand zum Schutz und Erhalt des Baumes würden zu deutlich größeren Auswirkungen auf die Schutz- und Erhaltungsziele des Natura-2000-Gebietes führen. Die gewählte Variante ist ein Kompromiss zwischen der Gewährleistung der Standsicherheit des Deiches für kommende Hochwasserereignisse und dem größtmöglichen Erhalt naturschutzfachlich wertvoller Strukturen.“ Fest steht, dass die Eiche abgetragen und dabei untersucht wird. Mögliche Insekten sollen mit Hilfe von Fachleuten umgesiedelt werden.

Wann konkret mit den Bauarbeiten begonnen wird, ist noch unklar. Sicher nicht mehr in diesem Jahr, so Schirmer. Für ihn ist auch klar, dass die Eiche auch dann hätte weichen müssen, würde es Kali und Salz nicht geben. „Das hätte nicht wesentlich etwas geändert.“ Geplant ist, den Deich auf etwa einen Meter zu erhöhen. Für die etwa 900 Meter werden 2,9 Millionen Euro investiert.

Horst Wagener will an dem Tag, an dem der erste Schnitt einer Kettensäge angesetzt wird, „am liebsten gar nicht da sein. Ich weiß schon heute, dass das harte Stunden werden ...“