Biederitz l Wenn Môrre seine selbst geschriebenen Lieder seinem Publikum präsentiert, trägt er weder ein Hemd unter seinem Sakko, noch Schuhe oder Socken. Nackte Brust und Füße gehören ebenso zu seinem Markenzeichen wie die glitzernde Maske, die er nur abnimmt, um gelegentlichen Blickkontakt zu den Zuschauern herzustellen. „Ich möchte nicht, dass den Leuten die Intimität meiner Texte zuviel wird“, erklärt der 24-jährige Singer-Songwriter. Die Maske – sie soll Abstand schaffen. Denn Môrres Lieder handeln oft von traurigen und emotional aufwühlenden Situationen. „Ich muss mich super krass fühlen“, beschreibt er den Entstehungsprozess seiner Texte.

Der Musiker, der aus Biederitz stammt und derzeit in Berlin lebt, arbeitet an seinem ersten Album. Vor fünf Jahren gewann er den Landesentscheid des Bandwettbewerbs „Local Heroes“. Die erste Bühne seines Lebens betrat er damals nur mit Unterhose bekleidet. Seitdem war er auf der Suche nach passenden Produzenten. Fündig wurde er schließlich im Saarland.

Depression in Lied verarbeitet

Das Musikvideo zu „Drachenlied“ erschien am 11. April auf Youtube. In ihm erzählt Môrre die Geschichte eines Mädchens, das die Nacht mit einem Drachen verbringt und dabei seine Traurigkeit für einen Moment vergisst. Es ist die Geschichte, wie der Künstler seine eigene Depression überwand. Zu Local Heroes Zeiten sei er wirklich tieftraurig gewesen. „Über die letzten Jahre bin ich glücklicher geworden, habe jetzt die richtigen Leute an meiner Seite“, resümiert er.

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Und diese Menschen motivierten ihn, mit seiner Musik weiterzumachen. Auch wenn das manch einer anders zu sehen scheint – wie ein Blick auf die Youtube-Kommentare zu „Drachenlied“ verrät. „Bist du auf Drogen?“ fragt einer, ein anderer schreibt: „Also irgendwie ist dieser Typ unheimlich.“

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Hasskommentare auf Youtube

„Ich erlebe hier vermutlich den ersten Shitstorm meines Lebens“, sagt Môrre lachend. Am Sonnabend möchte er ein weiteres Musikvideo auf Youtube veröffentlichen. Mit dem Lied „Junge am Klavier“ möchte er auf die Hasskommentare zu „Drachenlied“ reagieren. Auch wenn manche dieser Bemerkungen unter die Gürtellinie gingen – das könne ihn nicht davon abbringen, seinen Traum weiter zu verfolgen: eines Tages mit seiner Musik Geld zu verdienen.

Und was, wenn das nicht klappt? „Ich könnte mir vorstellen, Fahrpläne für die Deutsche Bahn zu erstellen“, sagt der Mathematik- und Philosophiestudent. Vollzeit wolle er jedoch nicht arbeiten, Zeit für die Musik müsse immer bleiben. Und Fahrpläne für die Deutsche Bahn zu erstellen sei ein solider Job. „Da kann man ethisch nichts falsch machen“, meint Môrre. Denn den Kapitalismus mag er nicht unterstützen. Generell möchte er nicht in der „puren Wirtschaft“ arbeiten, weil ihm die Gewinnmaximierung von Firmen zuwider sei.

Bevor Môrre sein Mathematikstudium begann, schrieb er sich zunächst für Betriebswirtschaftslehre ein. „In der ersten Stunde sagte der Professor uns: Wer noch nie den Wirtschaftsteil einer Zeitung gelesen hat, der kann direkt wieder gehen“, erinnert er sich. Nach dieser Ansage packte er damals seine Sachen wieder zusammen, verlies den Hörsaal und wenig später den Studiengang. Mit Mathematik fand er eine Fachgebiet, das ihm gefällt. „Die abstrakte Welt ist schon eher meine Sache“, findet er.

Bewusst nicht massentauglich

Auch musikalisch setzt er auf die Welt, wie sie in seinem Kopf entsteht und hält wenig vom Mainstream. Seine Musik zu ändern, nur um damit eine breitere Masse anzusprechen, das sei nichts für ihn. „Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass ich keine Popmusik machen kann“, sagt er. Die Inspirationen für seine Musik findet er in besonderen Momenten, die von Traurigkeit, Glücksgefühlen oder Staunen geprägt sein können. „Das passiert im Alltag nicht oft“, erzählt Môrre.

Ein Beispiel für einen Moment des Staunens ist das Lied „Du lachst so schön“, das von einer Frau handelt, die alles andere als schön ist – abgesehen von ihrem Lachen. „Du tanzt wie ein Schimpanse“, singt Môrre. Diese Person gebe es wirklich, so der Musiker. „Ich habe ihr das Lied vorgespielt und hatte Bedenken, dass es ihr gefällt. Aber sie findet es super und sagt, es würde sie gut beschreiben.“

Liebe zur Musik seit der Kindheit

Dieses und auch alle anderen Lieder begleitet Môrre selber, auf dem Klavier. Seine Liebe zur Musik entdeckte er bereits im Kindesalter. In der dritten Klasse begann er mit dem Klavierunterricht, spielte außerdem Flöte und sang im Chor. Beim Schreiben von Liedern habe er die Eigenart immer zuerst den Text zu schreiben. Danach suche er nach einer Melodie, die zu dem Gefühl passe. „Ich liebe einfache Melodien“, erklärt er. Seine Musik beschreibt er auch als „Kinderlieder für Erwachsene“.

Gibt es andere Künstler, die ihn inspirieren? Môrre lacht. „Ja, mein Traum ist es, mit Herbert Grönemeyer zusammenzuarbeiten. Für mich ist er der inspirierendste deutsche Künstler“, findet er. Er liebe es, wenn Grönemeyer seine Gefühle rausbrülle und auch auf der Bühne einfach er selber sei. Intime Gefühle zeigen und sich selbst im musikalischen Schaffen treu bleiben – das möchte auch Môrre weiterhin.

Mehr zu Môrre gibt es auf seiner Internetseite.