Burg l Was genau die Triebfeder war, kann Kathrin Tolle-Radigk gar nicht mehr sagen. Doch ihre Berufswahl fiel früh. „Meine Schwester sagt immer, sie kenne niemand anderen, der schon mit 13, 14 wusste, wohin es gehen soll“, erzählt sie im Gespräch mit der Volksstimme. Seit rund 30 Jahren ist sie Hebamme, seit fünf Jahren bekleidet sie das Amt der Leitenden Hebamme in der Burger Helios-Klinik. Nach ihrer Ausbildung an der Medizinischen Fachschule und der Landesfrauenklinik in Magdeburg kam sie ans Burger Krankenhaus und ist ihm seitdem treu geblieben.

Dabei schien zu Beginn ihres Berufslebens die Hebamme immer weniger gefragt. Es war die Zeit des Umbruchs im Osten Deutschlands, der Arbeitslosigkeit, der Wegzüge in Richtung Westen und damit auch der sinkenden Geburtenzahlen. Wolmirstedt schloss als eines der ersten Krankenhäuser seine Geburtsstation. Die Burger Station blieb, ebenso wie Kathrin Tolle-Radigk und die Bedeutung der Hebamme für die werdenden Mütter.

Viel Mundpropaganda

„Wie lange man sich schon vor der Geburt kennt, hängt davon ab, ob man angestellte oder selbstständige Hebamme ist“, erklärt sie. Ausschau gehalten werde nach einer Hebamme schon recht früh, in der siebten, achten Schwangerschaftswoche. Einerseits gebe es weniger als früher, andererseits könne man dann auch sicher sein, die zu bekommen, die man haben will. „Da läuft viel durch Mundpropaganda“, weiß sie. Wenn dann nichts Besonders passiert, sehe man sich erst bei der Sprechstunde wieder, die die Helios-Klinik in Burg, Genthin und Zerbst anbietet, dann ist etwa die 30. bis 34. Schwangerschaftswoche erreicht.

Wer nicht an einem Geburtsvorbereitungskurs teilnimmt oder sich mit einer Akupunktur behandeln lässt, die die Geburtszeit um eineinhalb Stunden reduzieren kann, sieht die angestellte Hebamme erst kurz vor der Geburt. Und das kann zu jeder Tages- und Nachtzeit sein. In ihrer durchaus langen Berufstätigkeit hat sie noch keine besonderen Spitzenzeiten bemerkt. Auch an den mystischen Vollmondnächten ist nichts dran. „Da werden auch nicht mehr Kinder geboren als sonst“, hat sie festgestellt.

Die Geburt selbst hat ihr immer wieder Momente beschert, die in Erinnerung geblieben sind, die Bestätigung dafür waren, als Jugendliche die richtige Berufswahl getroffen zu haben. „Einmal sagte eine Frau, die gerade ihr Kind zur Welt gebracht hatte, zu ihrem Mann: ,Schatz, das machen wir nochmal‘“, nennt sie ein Beispiel. Der junge Vater sei ganz verdutzt gewesen. So ähnlich wie der junge Mann, dem sein Sprössling in die Arme gegeben wurde. Auf dem Strampler stand: „Willst du meine Mutti heiraten?“

Mutter steht im Mittelpunkt

Nach zwei Stunden im Kreißsaal geht es dann auf die Wochenstation. „Das Allerschönste ist es, die frischgebackene Mutter bei der Vorbereitung zu begleiten, bei der Geburt dabeizusein und sie dann auch noch auf der Station wiederzusehen“, schwärmt sie. Selbstständige Hebammen bieten danach auch noch Babymassagen an, stehen der jungen Familie im Durchschnitt noch in den ersten drei Lebensmonaten zur Seite.

Natürlich geht es bei der Hebamme um Kinder, im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht allerdings die Mutter. Eine junge Frau habe ihr einmal gesagt, sie wolle Hebamme werden, weil sie beruflich etwas mit Kindern machen will, „ihr habe ich geraten, Erzieherin zu werden“. Vor der Entscheidung zu bedenken ist auch das Drei-Schicht-System im Krankenhaus, dass außerdem auch Wochenenden und Feiertage zu Arbeitstagen werden können. Auch eine große Verantwortung bringt das Hebammen-Dasein mit sich.

Beruf mit Herz und Seele

Wenn man den Beruf mit Herz und Seele ausübt, wie es Tolle-Radigk mit jedem Satz ausstrahlt, dann kann er auch eine Erfüllung sein. „Das heißt nicht, dass er nicht anstrengend ist, weil er sich auch stets weiterentwickelt“, merkt sie an. Allerdings hat sie sich erst neulich mit Kolleginnen über das Thema unterhalten und kam zu dem Schluss: „Im nächsten Leben würde ich es wieder machen“.

So geht es auch Undine Bielau. „Ja, immer“, antwortete die Vorsitzende des Landeshebammenverbandes, ob sie ihren Beruf als Traumberuf sieht. Dabei verschweigt sie aber auch nicht, dass es manches gibt, was ihr und ihren Kolleginnen das Leben schwer macht. Es seien mehrere Faktoren, die dabei zum Tragen kommen. Ganz aktuell ist es auch für Hebammen die Pandemielage. Werdende Eltern würden häufig den engeren Kontakt zu den älteren Generationen in der Familie suchen, dies müsse nun anders strukturiert werden. Auch viele Kurse können nun nicht in Präsenz stattfinden. So fehle für die werdenden Familien der ganz wichtige persönliche Austausch mit anderen Menschen in der gleichen Lebenssituation.

Ein weiterer Punkt für Selbstständige sei die Zuständigkeit der kommunalen Gesundheitsämter. Jedes Gesundheitsamt arbeite nach anderen Vorlagen und kümmere sich anders um die Hebammen im jeweiligen Zuständigkeitsgebiet. „Im ersten Lockdown, Anfang des Jahres, erhielten die Hebammen in einigen Landkreisen komplette Schutzausrüstungen, in anderen Kreisen wurden sie komplett in der Erarbeitung von Arbeitsempfehlungen vergessen und es konnten vorerst keine Handlungsempfehlungen gegeben werden“, erklärte sie mit Blick auf das Bundesland. Dies habe möglicherweise seine Ursache in der explizit fehlenden Erwähnung der Hebammen in der Länderverordnung des Landes Sachsen-Anhalt.

Beschränkungen fallen besonders ins Gewicht

Für die klinisch tätigen Hebammen gestalte sich das Arbeitsleben ähnlich verändert wie in all den anderen medizinischen Bereichen. Die eingeschränkten Besuchsregeln in den Krankenhäusern würden natürlich zur Zeit der Geburt besonders ins Gewicht fallen. Schwangere mit drohenden Frühgeburten sehen zeitweise nur eine Stunde am Tag jeweils einen Angehörigen, bei der Geburt dürfe auch nur eine Begleitperson mit dabei sein. „Auch im Wochenbett gelten die bestehenden Besucherregeln, die zu häufigeren Frühentlassungen führen und damit einen höheren Betreuungsaufwand im häuslichen Wochenbett für die Nachsorgehebamme bedeuten“, so die Landesvorsitzende.

Unterm Strich bleibt aber auch bei Undine Bielau ein positives Resümee: „Es ist ein wunderbarer Beruf mit vielen Entwicklungsmöglichkeiten. Und auch wenn die Arbeitsbedingungen verbesserungswürdig sind, bleibt es ein Beruf, der sehr positiv und verantwortungsvoll ist“.

In der kommenden Woche lesen Sie, welche wichtige Rolle auch die Väter bei der Geburt spielen.