Lockdown

Immer mehr Süchtige verfallen im Lockdown in alte Verhaltensmuster

Von Nicole Grandt
Jan Eiglmeier von der Drogen- und Suchtberatung berichtet von einer bedenklichen Entwicklung: Während des Lockdowns werden immer mehr Menschen in Süchten rückfällig. Archivfoto: Nicole Grandt

Burg

Im kürzlich veröffentlichten DAK-Kinder- und Jugendreport zeigte sich eine alarmierende Tendenz: Kinder und Jugendliche nutzen digitale Spiele und andere Medien sehr viel häufiger als in den vorherigen Jahren, um Kontakte aufrecht zu erhalten, aber auch um Langeweile zu bekämpfen und Ängste zu reduzieren. Die riskante und sogar pathologische Nutzung dieser Medien hat im vergangenen Jahr deutlich zugenommen ( Volksstimme berichtete). Ist diese Entwicklung auch schon in den Drogen- und Suchtberatungen in Burg und Genthin aufgefallen? „Zur Zeit kommen nicht mehr Klienten zum Thema Mediensucht in die Beratungsstelle. Es kommen Betroffene mit verschiedensten psychischen Schwierigkeiten bis zum Drogen oder Alkoholkonsum. Da fällt oftmals die Mediensucht hinten runter“, berichtet Jan Eiglmeier von der Drogen- und Suchtberatung Burg. Auffällig sei hingegen ein anderes Problem: Rückfälligkeit.

Mehr Alkoholkonsum und psychische Probleme

Aber auch wenn Mediensucht in den Beratungsstellen bisher noch nicht vermehrt behandelt werden muss, bedeutet dies nicht, dass die Beratenden wenig zu tun haben. Im Gegenteil. „Wir haben eher das Problem, dass im Lockdown bei alten Klienten vermehrt Rückfälle zu verzeichnen sind“, erklärt Eiglmeier. Dieses Phänomen wurde auch bei einer im Februar veröffentlichten Studie mit dem Titel „Psychische Gesundheit in der Krise“ der Krankenkasse pronova BKK aufgegriffen. Bei dieser Studie wurden bundesweit Psychotherapeuten und Psychiater befragt, welche Symptome sie seit dem ersten Lockdown besonders häufig behandeln mussten. Die Befragten berichteten, dass sie in der Corona-Krise steigenden Alkoholkonsum und dadurch eine Zunahme psychischer Probleme bei ihren Patienten festgestellt haben. Patienten, die schon vor der Krise Probleme mit Alkohol oder anderen Suchtmitteln hatten, greifen vermehrt zu Alkohol oder anderen Betäubungsmitteln, wie 66 Prozent der befragten Therapeuten und Psychiater bemerkten.

Die Problematik zieht sich durch alle Altersschichten, aber auch junge Personen sind laut Eiglmeier im Jerichower Land deutlich betroffen: „Nun kommen auch wieder die jungen Menschen, die im Lockdown eher zu Hause saßen und weniger auffällig waren. Die strömen jetzt in die Beratungsstelle.“

Wichtige Strukturen für Süchtige sind weggefallen

Doch warum werden Menschen nun verstärkt rückfällig? In der Studie zur psychischen Gesundheit in der Krise gibt es einige Erklärungsansätze. Die Corona-Krise und die Lockdowns wirken bei psychischen Beschwerden und Süchten häufig wie ein negativer Verstärker. Patienten mit Alkoholabhängigkeit oder anderen Süchten haben in der Krise oft ihr in der Abstinenz geschaffenes soziales Netz eingebüßt, da Beratungsstellen geschlossen waren oder noch sind und sich Selbsthilfegruppen nicht treffen können. Diese Strukturen sind für Alkoholiker und Drogensüchtige aber enorm wichtig, um nicht wieder in das vorherige Verhalten zurückzufallen. Während eines Lockdowns sind sie deshalb stark gefährdet, einen Rückfall zu erleiden. Oft kommen auch noch Job- und Existenzängste hinzu. Ohne Entlastung durch Beratungs- und Selbsthilfeangebote können dann auch Personen wieder rückfällig werden, die seit Jahren in Behandlung sind und eigentlich als stabil und abstinent eingestuft werden.

Auch unbelastete Menschen gefährdet

Aber nicht nur Rückfälle werden beobachtet, sondern auch bislang unbelastete Menschen geraten in der Pandemie und während der Lockdowns in seelische Nöte - und sind dadurch vermehrt suchtgefährdet. Wenn die Belastungen zu groß werden, flüchten sich nicht wenige Menschen in Alkohol oder andere Drogen, um den Stress zu bekämpfen und Druck und Ängste abzubauen. Mehr als jeder dritte befragte Therapeut der pronova BKK-Studie sieht gesteigerte Alkohol- oder Nikotinsucht. Auch Medikamente, Cannabis und Kokain spielen eine größere Rolle. 73 Prozent der Therapeuten und Psychiater rechnen damit, dass der Alkohol- und Drogenkonsum in den kommenden zwölf Monaten zunehmen wird.

Die Drogen- und Suchtberatungsstelle Jerichower Land versucht, bei Rückfällen oder anderen problematischen Situationen Hilfestellung zu leisten. Die Suchtberatungsstelle ist telefonisch erreichbar unter 03921/453 25. Auch eine Kontaktaufnahme per E-Mail unter burg@suchtberatung-jerichower-land.de ist möglich.