Zeugnisse

In 660 Stunden zum Deutschland-Profi

Um die Themen Sprache, Kultur und Alltag drehte sich der Unterricht eines Kurses für Flüchtlinge in Burg.

Burg l Wie fülle ich Formulare richtig aus? Wie bewerbe ich mich? Was kann ich in welchem Geschäft einkaufen? Auf diese Fragen haben jetzt 28 Migranten im Jerichower Land eine Antwort. Denn sie halten seit ein paar Tagen ihre Zeugnisse vom Integrationskurs an der Kreisvolkshochschule in der Hand. In den Kursen geht es nicht nur allein darum, die deutsche Sprache zu lernen, sondern auch um die Themen, die den Alltag in Deutschland bestimmen. Ausländer, die ihren Aufenthaltstitel haben, dürfen am Integrationskurs teilnehmen beziehungsweise werden von der Ausländerbehörde sogar dazu verpflichtet.

An so gut wie jedem einzelnen Wochentag seit September vergangenen Jahres saßen Migranten aus Osteuropa, dem Nahen Osten und Asien in der Burger Kreisvolkshochschule und haben gepaukt. Nach 660 Stunden Unterricht nahmen sie jetzt im großen Saal der Volkshochschule Platz. Familienmitglieder sind angereist, Aufregung liegt im Raum. Die Deutschschüler kennen ihre Abschlussnoten noch nicht. Was auffällt: Man spricht Deutsch miteinander. Auch wenn man wie Mark Alshikh Najjar und Majd Shanin aus dem gleichen Land kommt - aus Syrien.

„Wir reden auch Zuhause immer Deutsch miteinander“, sagt Majd Shanin. „Um zu üben“, ergänzt Mark Alshikh Najjar. Dann gibt es endlich die Zeugnisse. Der Landrat des Jerichower Landes Steffen Burchhardt (SPD) nimmt sich die Zeit, um mit jedem der Absolventen das Zeugnis durchzugehen. Da heißt es dann schon mal: „Du musst noch ein bisschen mehr Deutsch sprechen. Schreiben klappt offensichtlich schon prima.“

Beim Zeugnis des Syrers Mark Alshikh Najjar gibt es jedoch kaum noch Luft nach oben. Der 30-Jährige strahlt bis über beide Ohren: „Mir fehlt nur ein einziger Punkt beim Schreiben und vier Punkte fürs Hören.“ In punkto Sprechen gab es sogar die volle Punktzahl. Dabei lebt der Flüchtling aus Damaskus erst seit einem Jahr in Deutschland. Doch der Neu-Genthiner hat ehrgeizige Pläne: Er will in Deutschland in der Finanzbranche arbeiten. Ein Englischstudium hat er bereits in der Tasche. „Aber es ist ganz schwer, das hier anerkennen zu lassen“, sagt Mark Alshikh Najjar. Und bleibt positiv: „Ich mache ein neues Studium.“ Wie das funktionieren kann, hat er schon bei der Fachhochschule in Magdeburg in Erfahrung gebracht.

Der Syrer ist begeistert von Deutschland. „Ich habe schon viele Freunde gefunden und will mir ein neues Leben aufbauen.“ Zu seinem Leben gehört auch eine Ehefrau. In zwei Monaten soll sie endlich nach Genthin kommen. Derzeit ist die Syrerin in Indien und beendet dort ihr Studium zur Dolmetscherin. In punkto Studium ist Majd Shanin nicht so motiviert wie sein Freund. „Ich bin schon 36 und bestimmt zu alt, um noch mal neu zu studieren“, erklärt der ausgebildete Mathematik-Lehrer aus Aleppo in Syrien. Er habe bereits seit mehr als zehn Jahren an Schulen und Universitäten gelehrt. Aber in Deutschland sei sein Abschluss bisher nichts wert.

Jetzt wird Majd Shanin erstmal die Aufbaukurse in Deutsch absolvieren. „Die größte Herausforderung, um hier anzukommen, ist die Sprache.“ Das sieht Kato Niroz genauso. „Die deutsche Grammatik ist wirklich schwer.“ Die 25-Jährige kommt aus dem Irak und lebt seit sechs Jahren in Deutschland. „Wir sind erst nach Syrien geflohen, aber da waren die Umstände ganz schlimm“, erinnert sich die junge Frau. Es habe keine Möglichkeit gegeben, zur Schule zu gehen. In Deutschland sei das zum Glück anders gewesen. Jetzt ist der Traum von Kato Niroz ein Ausbildungsplatz zur Friseurin.

Fragt man Lehrerin Ewa Kozlowska-Voigt, was es bedeutet einen Kurs zu unterrichten, in dem am ersten Tag fast niemand ein Wort Deutsch versteht, lautet ihre Antwort: „Die größte Herausforderung ist, dass es alle schaffen - auch die Spätzünder.“ Und alle haben es geschafft. „Ich versuche alle immer zu motivieren. Und wer den Kurs erstmal nicht so ernst nimmt, bekommt von mir extra viel Aufmerksamkeit.“ Seit 13 Jahren unterrichtet Ewa Kozlowska-Voigt Deutsch und ihre Devise lautet: Eher Lob als Tadel.

Lob gab es auch vom Landrat: „Sie haben sehr viel Energie investiert.“ Burchhardt ist der festen Überzeugung: „Integration bedeutet für mich Teilhabe auf Augenhöhe. Dazu gehören beide Seiten: Wer schon da ist, muss sich öffnen. Und wer zu uns kommt, muss bereit sein, sich mit in die Gemeinschaft einzubringen.“