Friedensau l Auf der Zeichnung liegt ein Mann tot in der Wanne, ebenso ein in die Steckdose gesteckter Föhn. Die Ehefrau erklärt dem Polizisten: „Wir haben Ökostrom.“ Daraufhin der Polizist: „Dann war es ein natürlicher Tod!“

Auf Missstände hinweisen

Manch einem Betrachter dieser einfach gehaltenen Bild-Text-Kombination bleibt das Lachen im Hals stecken, andere lachen schallend los, angesichts solch makabrer Szenerien. „Die Macher solcher Karikaturen wollen sich ja überhaupt nicht über schwer kranke oder alte Menschen lustig machen. Auch nicht über Tote, Todgeweihte oder deren Angehörige“, erklärt Reiner Sörries: „Vielmehr wird versucht, auf Missstände hinzuweisen. Sörries zeigt auf eine Karikatur, in welcher eine Frau vom Engel an der Himmelstür empfangen wird: „Willkommen, Sie haben Pflegestufe vier erreicht!“

Reiner Sörries, geboren 1952, studierte Theologie, Christliche Archäologie und Kunstgeschichte, war Pfarrer in Bayern, und 25 Jahre lang – bis 2015 – Direktor des Zentralinstituts und Museums für Sepulkralkultur in Kassel.

Wanderausstellung aus Kassel

Das Kasseler Museum hat die Wanderausstellung „Einer geht noch – Cartoons und Karikaturen auf Leben und Tod“ auf den Weg gebracht, die noch bis zum 14. Dezember in Friedensau zu besichtigen ist.

„Darf man über solche Karikaturen lachen?“, fragt Reiner Sörries und schiebt gleich hinterher: „In uns ist etwas verankert, was uns zurückhält, bei diesen Witzen laut zu lachen. Der Tod ist eines der letzten großen Tabus.“

Doch in diesem und dem vergangenen Jahrhundert habe es die Gesellschaft schon weit gebracht, dieses Tabu aufzubrechen. „Wir reden inzwischen freier darüber, etwa über Sterbehilfe oder die immer steigenden Friedhofsgebühren. Auch der Witz hilft uns dabei, das Tabu zu überwinden.“ Lachen sei eines der wichtigsten Ausdrucksmittel, es drückt Freude aus, aber auch Erleichterung, es überspielt Verlegenheit und wehrt die Angst ab.

Ungewollt komisch

Reiner Sörries zeichnet eine Historie des „Lachens angesichts des Todes“ auf. Er erinnert an das „Osterlachen“, mit welchem die Gläubigen – angeregt durch den Pfarrer – nach siebenwöchiger Fastenzeit und der Trauer des Karfreitags zu befreiendem Lachen finden sollten. „Hier ist es religiöse Intention“, sagt Sörries und führt dann Beispiele der „komischen Grabpoesie“ an. Es gab im 18. und 19. Jahrhundert ganze Sprüchesammlungen mit lustigen oder unterhaltsamen Grabinschriften. Ein Beispiel: „Hier liegt Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug.“ Es gab aber auch unfreiwillige Komik bei den Nachrufen auf Verstorbene. Sörries nennt das Beispiel des Pfarrers Michael von Jung (1781-1858), dessen Grablieder heute ungewollt komisch anmuten.

Schwarzer Humor kommt nach Ansicht von Reiner Sörries vermehrt ab dem Zweiten Weltkrieg auf. Es mehren sich Karikaturen, die sich dem Thema Tod und Vergänglichkeit mit Spott, Satire und Kritik widmet. Inzwischen haben diese Elemente längst auch das Kabarett und die Comedy erobert.

Reiner Sörries präsentiert eine weitere Karikatur. Sie zeigt eine Frau, welche an der Wohnungstür den wartenden Sensenmann abweist: „Nein danke, wir sterben nicht!“ Für Sörries ist das ein gutes Beispiel für ein neues gesellschaftliches Aufbäumen gegen den Tod: „Es gibt Strömungen des Transhumanismus, in dem geglaubt wird, dass Menschen bei besseren Lebensbedingungen, einer optimierten Lebensweise und modernerer Technik gar nicht mehr sterben müssen.“

Soweit ist die Menschheit aber noch nicht. Daher muss auch weiterhin das Lachen herhalten, um die Angst vor dem Tod zu bekämpfen. Möglich ist das noch bis zum 14. Dezember in der Bibliothek der Theologischen Hochschule Friedensau, Ahornstraße 3.