Altengrabow l Vor dem Eingang liegen Autoreifen und Birkenstämme. Der vierstöckige Wohnblock aus Beton hat keine Fenster mehr. Wo bis vor 23 Jahren noch 5000 Menschen lebten, gibt es schon lange keine Stimmen mehr. In der Großküche duftet es nicht mehr nach russischem Borschtsch. Im staubigen Heizhaus haben Schrott-Diebe sämtliches Metall geklaut. Die Fußwege zwischen den Häuser sind zugewuchert. Die schmalen Birken direkt am Giebel haben das Dach schon erreicht. Die Natur holt sich das Areal zurück.

Wenn Revierförster Klaus-Dieter Doerks seinen Kontrollgang macht, marschiert er durch eine Geisterstadt. Manche Ecken wirken, als ob hier ein Tornado durchgefegt ist. Absichtlich unverändert: Auf dem Gelände trainiert die Bundeswehr verschiedene Kriegs-Szenarien. Betreten verboten! Lebensgefahr!

Mit Ramme in die Wohnung

Doerks kommt nur dann, wenn kein Militär auf dem Gelände ist. Wenn er jemanden grüßt, dann ist es ein Bauarbeiter, der mit der Altlastenbeseitigung beschäftigt ist. In dem großen Wohnblock ohne Fenster zeigt der Förster auf einen Eingang, der statt einer Tür mit dicker hölzernen Barrikade versehen ist: „Hier trainieren die Soldaten, wie man mit einer Ramme die Wohnung stürmt.“

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Rosenkrug: Diese 400 Hektar große Liegenschaft grenzt nördlich am Truppenübungsplatz Altengrabow. In den 60er Jahren hat sich die sowjetische Armee eine Kleinstadt mit militärischer Infrastruktur von den DDR-Betrieben bauen lassen.

Offene Fragen zur Geschichte

„Nach dem Abzug der Russen 1994 wurde der Rosenkrug zunächst von der Bundesvermögensverwaltung übernommen“, erzählt Forstdirektor Rainer Aumann. Sein Forstbetrieb ist Bestandteil der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die sich um die Altlasten kümmerte. Aumann: „Nach mehr als 20 Jahren ist dies nun zum Großteil erfolgt.“ Die Bundeswehr hat die Fläche im Juli 2017 übernommen. Das Militär wird auch weiterhin hier trainieren, was im Krieg realistisch werden könnte.

Der Bundesforst wird sich auch weiterhin um die forstlichen Aufgaben kümmern – jetzt nicht mehr auf eigene Verantwortung, sondern im Auftrag der Bundeswehr.

Ganz nebenbei interessiert sich Forstdirektor Aumann um die Geschichte des Ortes. Der Rosenkrug ist ein ehemaliger Ortsteil von Schopsdorf: „Erstmals erwähnt um 1700. Im 19. Jahrhundert existierten dort unter anderem eine Papiermühle und eine Teerbrennerei.“ Aumanns private Recherchen bringen noch weitere Details ans Tageslicht: Um 1900 verödete der Rosenkrug. 1910 begann eine Neubesiedlung und der Rosenkrug erlebte einen Aufschwung. Um diese Zeit entstand das Schloss Rosenkrug mit seinen Parks.

Schloss verschwunden

Im Internet hat Aumann eine Ansichtskarte, die 1917 nach Kläden in die Altmark verschickt wurde. Darauf zu sehen ist unter anderem eine Ansicht des Schlosses Rosenkrug. Er erinnert vom Baustil ein wenig an das Schloss in Parchen. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Kein Fundament, keine Mauerreste. An einer Stelle mit vielen alten Buchen meint Rainer Aumann, „könnte das Herrenhaus gestanden haben, während die Bäume zum Schlosspark gehörten.“

Nach Kriegsende 1945 hat die sowjetische Armee den Rosenkrug übernommen und dem Truppenübungsplatz Altengrabow zugeschlagen. Die alten Gebäude wurden komplett abgerissen.

Ab Mitte der 50er Jahre haben DDR-Baufirmen in mehreren Bauabschnitten 150 Gebäude für die russische Infrastruktur erreichtet: Kasernen, Wohnungen für Offiziere und ihre Familienangehörige, Schulungsgebäude, Werkstätten, Tanklager, Sporthalle, Garagen. Weit sichtbar ist heute noch der hohe Schornstein des Heizhauses. Gebaut wurden auch ein Wasserwerk und ein Klärwerk, sowie Schweineställe, Trafolager, Einkaufsläden, Badehäuser, Soldatenklub, Bibliothek... Es gab einen unterirdischen Fernmeldebunker. „Der Rosenkrugteich diente als Freibad“, sagt Aumann. Jetzt wuchert das Unkraut an den Eingangstreppen. An manchen Innenwänden ist die russische Zeitung Prawda tapeziert. Die Reste eines Denkmals mit russischen Parolen lassen erahnen, dass hier Appelle stattgefunden haben.

Baufällige Häuser

1994 zogen die Russen mit Mann und Maus davon. Der Rosenkrug wurde von der Bundesvermögensverwaltung in das sogenannte allgemeine Grundvermögen übernommen. Die Bundeswehr wollte diese Fläche damals wegen der vielen Altlasten nicht übernehmen: Mülldeponien, verunreinigtes Grundwasser, Tanklager, Heizhaus, chemische Großreinigungshalle und baufällige Gebäude machten das Areal zu einer sehr teuren Sanierungsfläche.

Rainer Aumann erklärt: „Bei der Ersterkundung wurden 176 Altlastenverdachtsflächen erfasst.“ Bis 1999 wurde ein Teil der Gebäude abgerissen und eine mehrere Hektar umfassende Mülldeponie beräumt. Zudem haben die Fachleute zahlreiche Grundwassermessstellen errichtet.

Müllhalde beräumt

Der Bundesforst hat 50 Hektar aufgeforstet. Unter anderem gab es Pflanzungen als Ersatzmaßnahmen für den Ausbau der Autobahn 2 dar. Aumann: „Diese Waldflächen sind jetzt ideale Lärm-, Staub- und Sichtschutzpufferzonen für die angrenzenden Orte.“ Er geht davon aus, so dass Beeinträchtigungen für die Menschen durch den militärischen Übungsbetrieb durch diese Pufferzonen deutlich reduziert werden.

Bei der Übergabe an die Bundeswehr zieht Rainer Aumann eine Bilanz für seinen Bundesforstbetrieb Nördliches Sachsen-Anhalt, der für diese Liegenschaft verantwortlich war: „In diesem Zeitraum wurde eine drei Hektar große Müllkippe beräumt, die alte Kläranlage vollständig abgerissen und das Grundwassermonitoring fortgeführt.“ Aktuell kümmert sich eine Firma um den Abriss von vier baufälligen Gebäuden: „Diese Flächen werden anschließend durch Bepflanzung mit einheimischen, blühenden und früchtetragenden Baum- und Straucharten ökologisch aufgewertet“, sagt Aumann. Er beziffert die Gesamtkosten der Altlastensanierung im Rosenkrug auf 3,3 Millionen Euro.

Betreten verboten

Das absolute Betretungsverbot der Fläche begründet er mit immer noch vorhandenen Gefahren durch offene Schächte, baufällige Gebäude und Flächen, die als mit dem Prädikat Munitionsverdacht versehen sind.

Warum die verbotene Stadt Rosenkrug für das Militär so attraktiv ist, erklärt Aumann so: „Die Liegenschaft ist von den Hauptaltlasten befreit. Sie grenzt an den Truppenübungsplatz Altengrabow und verfügt über zahlreiche massive Gebäude, die ein authentisches städtisches Übungsgelände darstellen. Der vierstöckige Plattenbau aus Beton ist nur ein kleiner Teil der verbotenen Stadt Rosenkrug.