Burg l Wenn Michael Liebing vor seinem Geschäft in der Schartauer Straße sitzt und Bögen schnitzt, erntet er interessierte, aber auch oft irritierte Blicke. „Die Leute denken dann bestimmt, was ist das für ein seltsamer Typ.“ Michael Liebing lacht.

Sein Geschäft ist ein unüblicher Anblick zwischen den Geschäften der Einkaufsstraße in Burg. Denn hier gibt es eine Vielzahl an Waren, die zu dem Geschäftsmotto Liebings „Nachhaltig, natürlich, vielseitig passen.

Wenn Fleisch, dann ausschließlich Wild

Nachhaltigkeit ist mein Lebensprinzip“, fasst er zusammen. Nicht nur seinen Laden hat er danach ausgerichtet, auch sein Privatleben steht fest unter dem Motto Nachhaltigkeit. „Ich lebe in einem Holzhaus, heize nur mit Holz und habe auch eine Solaranlage“, erklärt er. Gemüse baut er im eigenen Garten an und wenn er Fleisch essen möchte, kommt bei ihm ausschließlich Wild auf den Tisch. „Dies besorge ich bei einem Jäger aus Möckern, aber es ist mir auch wichtig, dass die Tiere nicht bei einer Hetzjagd erlegt werden.“ Fleisch aus Supermärkten lehnt er wegen der Haltung der Tiere ab. „Es kann doch nicht sein, dass Tiere unter erbärmlichen Bedingungen durch halb Europa gefahren werden, um dann in riesigen Betrieben geschlachtet werden“, kritisiert er. Sein Bezug zu hochwertigen Lebensmitteln kommt nicht von ungefähr. Ehe er in den Ruhestand ging und seine Idee mit dem nachhaltigen Geschäfts umsetzte, arbeitete er viele Jahre als Küchenchef unter anderem in Magdeburgerforth, wo er auch Seminare zur richtigen Zubereitung von Wildfleisch gab. Auch zahlreiche Nachwuchsköche hat er in der Region ausgebildet. „Ich weiß also ziemlich gut Bescheid über Lebensmittel. Hochwertiges Fleisch schmeckt nicht nur besser und hat mehr Nährstoffe, es hat auch einen deutlich geringeren Bratverlust.

Bilder

Vor einigen Jahrzehnten waren es die Menschen gewöhnt, dass Fleisch ein besonderes Lebensmittel ist, das man beispielsweise nur als Sonntagsbraten gegessen hat. Heute herrscht eher die Geiz-ist-geil-Mentalität und das ist in vielerlei Hinsicht nicht gut.“ Er nennt als Beispiel, dass in anderen europäischen Ländern deutlich mehr für Lebensmittel ausgegeben wird und diese auch bewusster konsumiert werden. „In Deutschland werden pro Jahr rund elf Millionen Lebensmittel weggeworfen. Das finde ich erschreckend“, merkt er an.

Diesen Entwicklungen möchte er mit seinem Laden und den Produkten entgegen wirken. „Die Möbel, die hier im Laden stehen, sind entweder aus zweiter Hand oder wurden aus Holz gefertigt, das sonst zu Brennholz verarbeitet worden wäre“, erklärt Liebing. „So viele Möbel, die entsorgt werden, sind noch gut und können noch viele Jahre lang verwendet werden.“

Baumwollproduktion benötigt viel Wasser

In seinem Geschäft sind viele Lederwaren zu finden. „Leder ist eines der ältesten Materialien, das Menschen für Kleidung verwenden. Und es ist sehr langlebig. Bei guter Pflege können Lederprodukte rund 50 Jahre verwendet oder getragen werden.“

Deswegen gibt es auch viele Second-Hand-Lederwaren – von Taschen über Jacken und Westen. „Baumwolle ist als Material viel jünger, und man muss auch hier die Produktionswege hinterfragen“, gibt er zu bedenken. Er nennt hier als Beispiel, dass eine Baumwoll-Flocke meist Hunderttausende Kilometer hinter sind bringt, ehe sie als verarbeitetes Produkt in einem Laden zu finden ist.

Unumstritten ist Baumwolle in punkto Nachhaltigkeit tatsächlich nicht. Die Vereinigung Deutscher Gewässerschutz kritisiert beispielsweise, dass für die Produktion von einem Kilo Baumwolle über 23 000 Liter Wasser eingesetzt werden. Weltweit werden für die Baumwollproduktion jährlich 256 Kubikkilometer Wasser benötigt, heißt es in einer vom WWF (World Wide Fund For Nature) im Juni 2020 veröffentlichten Studie. Eine Menge, die ausreichen würde, um jeden Erdenbürger pro Tag mit 120 Liter Frischwasser zu versorgen. Um ein Kilo Leder zu produzieren, werden rund 17 000 Liter Wasser benötigt. Auch dies ist eine gewaltige Menge, die vor allem auf die Aufzucht der Tiere zurückzuführen ist, allerdings hat Leder häufig eine deutlich längere Nutzungsdauer als Baumwolle.

„Ich finde es wichtig, wenn ich Menschen dazu anregen kann, über ihren Konsum nachzudenken. Denn nicht nur wir wollen ein gutes Leben haben, sondern auch die Generationen nach uns. Da müssen wir wirklich umdenken. Beispielsweise verbrauchen wir deutlich mehr Ressourcen, als unsere Erde zur Verfügung hat“, gibt er an.

Auf diesen Umstand wird jährlich durch den Earth Overshoot Day aufmerksam gemacht, den die Organisation Global Footprint Network ins Leben gerufen hat.

Dabei wird in jedem Jahr ein Tag festgesetzt, an dem die Menschheit für das laufende Jahr so viele Ressourcen verbraucht hat, wie die Erde regenerieren kann. 2019 war dieser am 29. Juli, 2020 am 22. August, da wegen der Corona-Pandemie weniger Ressourcen verbraucht wurden. Ein Trend, der wohl nicht anhalten wird, denn nach Einschätzung des WWF wird die Menschheit bis 2050 die Ressourcen von drei Erden benötigen. Michael Liebing findet es wichtig, dass die Menschen aus den Geschehnissen der Geschichte lernen, um ihr gegenwärtiges und zukünftiges Handeln zu beeinflussen. Deswegen gibt es in seinem Laden nicht nur nachhaltig produzierte Waren, sondern auch einige Exkurse in die Vergangenheit. „Ich spreche mit meinen Kunden oft über Geschichte, Nachhaltigkeit oder regionale Produkte. Ich hoffe, dass ich viele Menschen dazu anregen kann, darüber nachzudenken, wie sie konsumieren.“