Burg/Genthin l Den Anwalt konsultieren und sein Recht vor Gericht durchsetzten – das scheint im Jerichower Land inzwischen häufiger der Fall zu sein. Laut dem „Streitatlas 2017“, einer statistischen Erhebung der Rechtsschutzversicherung Advocard, kommen auf 100 Einwohner im Jerichower Land in etwa 29,4 Streitfälle. 2014 sind es noch 25,9 Streitfälle gewesen. Somit kann sich der Landkreis als die streitsüchtige Spitze Sachsen-Anhalts betrachten. Auf Platz zwei liegen die Bewohner des Saalekreises mit 29 Streitfällen auf 100 Einwohnern und den dritten Platz haben sich die Hallenser mit 28,1 Fällen erstritten.

Am wenigsten gestritten wird im Landkreis Wittenberg (22,6 Fälle auf 100 Einwohner) und im Salzlandkreis (23 Fälle auf 100 Einwohner).

Verkehr und Privates

In erster Linie werden private Streitigkeiten (37,8 Prozent) vor Gericht ausgetragen. Dabei geht es meist um Scheidungen, Trennungen und Erbschaftsstreitigkeiten.

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Direkt nach den privaten Streitangelegenheiten kommen die Verkehrsstreitigkeiten (25,3 Prozent), in denen häufig Verkehrsunfälle oder Geschwindigkeitsüberschreitungen das Thema sind.

Zudem geht es in den meisten Fällen (64,7 Prozent) um Beträge von bis zu 2000 Euro.

Anwälte bestätigen es nicht

Im übrigen sollten die Streithähne Geduld mitbringen, denn laut Statistik dauert es bei mehr als einem Drittel aller Fälle (34,2 Prozent) zwischen zwölf und 24 Monate, bis der Fall abgeschlossen ist. Diese Zeit nehmen sich, statistisch gesehen, vor allem die Bürger zwischen 46 und 55 Jahren. Diese Altersgruppe streitet mit 27,6 Prozent nämlich am häufigsten.

Thomas Reichert ist Fachanwalt für Verkehrsrecht in Burg und ist über die Zahlen verwundert. Er sagt: „Ich habe nicht den Eindruck, dass es mehr Streitfälle gibt. Es gab schon mal wesentlich mehr zu tun.“ Eine ähnliche Meinung vertritt auch der Rechtsanwalt Bodo Kister aus Genthin. „Ich kann keinen großen Unterschied zu den Vorjahren feststellen. Im Grunde ist es ein in etwa gleichbleibender Stand an Mandanten“, sagt Kister.

Auch die Zahlen, die die Volksstimme vom Landgericht Stendal erhalten hat, bekräftigen nicht die Aussagen des Streitatlas. Jedoch konnte Thomas Reichert feststellen, dass die Bürger durchaus motivierter sind, vor Gericht zu ziehen, wenn der Führerschein auf dem Spiel steht. „Bei kleineren Bußgeldern wird oft gezahlt und die Sache ist erledigt. Da will sich auch kaum jemand den Stress machen, das vor Gericht anzufechten“, erklärt Reichert. „Droht hingegen der Verlust der Fahrerlaubnis, neigen viele dazu, sich von einem Anwalt vertreten zu lassen, um den Führerschein vielleicht doch behalten zu können.“

Schiedsstellen können Gerichte entlasten

Doch nicht jeder Streit landet direkt vor Gericht. In den Schiedsstellen in den Kommunen des Kreises versuchen die Schiedspersonen, in Kooperation mit den streitenden Parteien, eine außergerichtliche Einigung zu erzielen. Karl-Heinz Summa ist Vorsitzender der Schiedsstelle in der Kreisstadt. Er sagt: „Das Jahr 2016 war mit zehn Fällen nicht besonders ereignisreich. 2017 hingegen hatten wir schon zirka 15 Fälle bearbeitet.“ Dabei habe es sich überwiegend um Nachbarschaftsstreitigkeiten gehandelt.

Darüber hinaus ist Summa ein großer Befürworter von außergerichtlichen Einigungen. „Ich glaube, es fruchtet manchmal besser, sich mit den Streitparteien an einen Tisch zu setzen und über alles zu reden“, sagt Karl-Heinz Summa. Zudem könne man so die Gerichte entlasten, denn die in der Schiedsstelle getroffenen Abmachungen sind für 30 Jahre bindend – und das auch ohne gleich einen Anwalt zu Rate zu ziehen.