Burg l Mit ohrenbetäubendem Lärm fährt ein Krankenwagen direkt an der Burger Volksstimme-Redaktion in der Zerbster Straße in Burg vorbei. So schnell wie der Rettungswagen (RTW) um die Ecke geschossen kam, so schnell ist er auch wieder weg. Das ist nicht immer so.

Im Jahr 2019 kamen im Kreis zwar 81,85 Prozent aller RTW innerhalb der vom Land Sachsen-Anhalt gesetzlich vorgeschriebenen Zwölf-Minuten-Frist pünktlich, ausreichend ist diese Quote dennoch nicht. Denn das Land setzt weiterhin voraus, dass mindestens 95 Prozent der Einsätze innerhalb der Hilfsfrist ablaufen müssen. Das heißt, wenn ein Krankenwagen erst nach 13 Minuten am Einsatzort ist, ist es aus Landesgesetzgebersicht zu spät. „Die Hilfsfrist ist die Zeit vom Eingang der Notfallmeldung in der Rettungsleitstelle bis zum Eintreffen eines Rettungsmittels am Zielort“, erläutert Claudia Hopf-Koßmann, Pressesprecherin des Landkreises Jerichower Land. „Zur Gewährleistung einer effektiven Notfallrettung wurde diese Hilfsfrist für das Land Sachsen-Anhalt normiert. Die Realisierung der Frist ist gerade in einem Flächenlandkreis wie dem Jerichower Land eine Herausforderung. Große Entfernungen zwischen den einzelnen Ortschaften und eine teilweise sehr geringe Bevölkerungsdichte in manchen Gebieten gilt es zu kompensieren“, versucht die Pressesprecherin die Nichteinhaltung der Frist zu erklären.

Hochsetzen keine Lösung

Dennoch, bestätigt sie, sei das oberste Ziel, rechtzeitig vor Ort zu sein. Ein Hochsetzen der Frist könne daher keine Lösung sein.

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Im Vergleich zu den anderen Städten und Landkreises liegt das Jerichower Land bei den RTW-Einsätzen im unteren Mittelfeld. In der Landeshauptstadt Magdeburg wurde am häufigsten die Frist eingehalten (in 91,94 aller Fälle).

Halle und der nördliche Saalekreis (78,99 Prozent), Wittenberg (77,57 Prozent), Stendal (76,31 Prozent) und der Harz (75,26 Prozent) liegen noch unter dem Jerichower Land. Die Daten stammen aus der Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage des innenpolitischen Sprechers der SPD-Landtagsfraktion, Rüdiger Erben.

Der Sozialdemokrat, der sich seit 2014 mit dem Problem beschäftigt, spricht von „Minischritten“ zur Verbesserung. „2015 und 2016 und 2017 waren die Zahlen noch schlechter. Als ich mir 2014 das erste Mal die Zahlen vorlegen ließ, hieß es als Erklärungsversuch, das seien noch die Auswirkung der Kreisstrukturreform. Aber die war ja schon 2007“, ließ sich der innenpolitische Sprecher in der Volksstimme vor ein paar Wochen zitieren.

Zwei Möglichkeiten

Auch Erben möchte auf keinen Fall, dass die Fristen angehoben werden. Für ihn gibt es nur zwei Möglichkeiten zur Verbesserung: „Zum einen hat es sich bewährt, auf den Standort der Rettungsleitstelle zu schauen. Vielerorts sind sie noch dort, wo vor Jahren die alten Rotkreuz-Standorte waren. Das sind von der Logistik her nicht immer die besten Orte, um schnell einen Einsatzort zu erreichen: Nebenstraßen, Ampeln und ähnliche Hindernisse.“

Ein ebenso wichtiger Fakt sei die Ausstattung mit Rettungswagen. „Es ist doch klar: Wo es nur einen RTW gibt und der ist gerade im Einsatz, kann rein objektiv die vorgeschriebene Einsatzzeit nicht eingehalten werden.“

Gleiche Punkte

Genau diese Punkte führt auch die Pressesprecherin des Jerichower Landes auf Anfrage der Volksstimme an.

Doch was tut die Verwaltung des Landkreises gegen das Problem?

„In den Jahren 2013 und 2016 wurde eine Planungsgesellschaft mit der Begutachtung des Ist-Zustandes des Rettungswesen im Landkreis beauftragt, um eine Bedarfsplanung unter der Wahrung des rettungsdienstlichen Hilfeleistungsniveaus und einer sparsamen und wirtschaftlichen Durchführung des Rettungsdienstes zu ermöglichen“, so Claudia Hopf-Koßmann. Seit 2014 seien dann mit den Ergebnissen des Gutachtens verschiedene Details geändert worden.

Neubauten beschlossen

Beispielsweise wurde die Rettungswache Loburg nach Möckern verlegt (2014), ein Neubau der Wache Möser mit einem zusätzlichem RTW veranlasst (2015), weitere Neubauten in Drewitz und Genthin sowei die Erhöhung der Rettungswagenanzahl am Standort Burg beschlossen (2017), die Wache Hohenseeden verlegt (2018) und die Rettungswache Gommern neu gebaut.

Diese Maßnahmen trugen in der Vergangenheit tatsächlich auch Früchte, welche der Landkreis bei aller Kritik dennoch ernten kann. So wurde 2019 zwar eine schwächere Quote bei den RTW erzielt, allerdings konnte in 95,17 aller Fälle der Notarzt den Einsatzort pünktlich erreichen. Nur in weniger als fünf Prozent aller Fälle wurde die Frist nicht eingehalten. Auch weil sie hier 20 Minuten beträgt.

Der Betreiber des Rettungsdienstes im Jerichower Land ist das Deutsche Rote Kreut (DRK). Nach einem Auswahlverfahren erhielten sie den Zuschlag vom Kreis. Die derzeitige Konzession gilt noch bis Dezember 2022.