Krüssau/Paplitz/Gladau l Schäfer Uwe Wilberg aus Krüssau kommt nicht zur Ruhe. Seit Juni wurden seine Herden elf Mal von Wölfen heimgesucht. 37 tote Tiere beklagt der Schäfer inzwischen, manche Tiere, die nicht gleich tot waren, mussten wegen ihrer schweren Verletzungen erlöst werden.

Der Anblick der aufgerissenen Kadaver, die nach dem jüngsten Riss am Montagmorgen in der Schaufel des Baggers landen, können einen nicht kalt lassen. Eingesammelt wurden die Kadaver auf den Wiesen, wo die Herde weidete, aber auch in den Wäldern, wohin die Tiere flüchteten.

Wolfsrisse nah an Krüssau

Doch noch etwas anderes beunruhigt die Menschen in Krüssau: „Einige der jüngsten Übergriffe ereigneten sich in unmittelbarer Nähe zur Ortschaft Krüssau“, berichtet Bianca Bich, die zu der betroffenen Schäferfamilie gehört.

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Am zurückliegenden Sonnabend früh war es eine Postzustellerin, die den Schäfer aus den Federn klingelte, weil verstörte Schafe durch Krüssau irrten. Der bislang letzte Übergriff am Montagmorgen ereignete sich bei Gladau. Schäfer Wilberg fand sechs Schafe weit verstreut auf der Weide. Auch hier mussten Tiere erlöst werden.

Labor untersucht Genproben

Ursprünglich war die Herde von Uwe Wilberg 400 Tiere stark. 37 dieser Suffolk-Schafe hat er an den Wolf verloren, ist Wilberg überzeugt. In einigen Fällen wurde per Gentest bereits festgestellt, dass es der Wolf war, für andere Rissvorfälle steht das Ergebnis noch aus. Proben wurden von Mitarbeitern des Wolfskompetenzzentrums Iden (WZI) genommen und an das deutschlandweit einzige damit beauftragte Referenzlabor Senckenberg in Gelnhausen (Hessen) geschickt. Vom Ergebnis der Proben hängt ab, ob Nutztierhalter mit einer Ent- schädigung rechnen können. Für einen finanziellen Schadensausgleich kommen nur Übergriffe in Frage, bei denen der Wolf als Verursacher bestätigt oder nicht ausgeschlossen werden konnte. Die Beprobung zieht sich hin, teils sind noch Genproben vom August nicht abgearbeitet.

Seit den ersten Rissen im Juni ist der Krüssauer Schäfer mit dem Wolfskompetenzzentrum in Kontakt. Hier hat sich Uwe Wilberg speziell empfohlene Weidezäune leihen können. Inzwischen hat er eigene Zäune zum Umzäunen der Herden bestellt, sie sind noch höher, als gefordert: 106 Zentimeter hoch und stark unter Strom gesetzt.

Wolfszäune bei Schäfern umstritten

Dennoch scheinen die Zäune kein Hindernis gewesen zu sein. Man habe bei keinem der bisherigen elf Rissvorfälle Untergrabungen festgestellt, so Bianca Bich. Bei drei der jüngsten Risse sei die aufgescheuchte Herde aus der Umzäunung ausgebrochen, bei Gladau allerdings stand die Herde im Netz. Daraus schließt die Krüssauer Schäferfamilie: Der Wolf muss hineingesprungen sein – ein Verhalten, dass Experten als nicht typisch bezeichnen.

„Wenn der Wolf eine Chance hat, probiert er es aus. Wenn es weh tut, lässt er es wieder sein“, glaubt Andreas Berbig vom Wolfskompetenzzentrum Iden. Es sei möglich, dass die aktuellen Zäune nicht voll funktionsfähig seien, wenngleich Bauart und Voltzahl korrekt sind. Wenn etwa die Erdung nicht stimme, sei die Herde für den Wolf auch weiterhin ein gefundenes Fressen. Deswegen arbeite man an einer Optimierung des Herdenschutzes per Zaun.

Aufwand und Nutzen in keinem Verhältnis

Allerdings sind die Zäune kein Allheilmittel gegen den Wolf. Die Karower Agrargenossenschaft hat an einem Pilotprojekt mit speziellen Schutzzäunen teilgenommen. Deren Chef Jürgen Schimpf zeigt sich nach knapp zwei Jahren ernüchtert: „Für uns ist der Zaun mit einem enormen Mehraufwand verbunden“, sagt er. Wenn die Herde wandere, müsse der Zaun umgebaut werden, das koste Kraft, Zeit und Geld. „Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis“, meint Schimpf. Aus diesem Grund sei man von den Zäunen abgerückt, zumal sich der Wolf immer einen Weg suche und man einen völligen Schutz des Tierbestandes nicht erwarten könne. Der Wolf sei ein ständiger Begleiter und damit auch Wolfsrisse. Diese schlagen bei der Agrargenossenschaft derzeit aber nicht in einem großen Umfang zu Buche.

Nach den jüngsten Übergriffen in Krüssau haben Vertreter der Interessengemeinschaft „Herdenschutz plus Hund“ – ein Zusammenschluss der Tierhalter – noch höhere Litzenzäune zur Verfügung gestellt. Die Zäune werden zusätzlich um den Netzzaun von Schäfer Wilberg aufgebaut. Sie sind 120 Zentimeter hoch, 10 000 Volt sollen Isegrim abhalten. Die „Gesellschaft zum Schutz der Wölfe“ habe das Material bezahlt, sagt Andreas Berbig: „Der Wolf soll merken, dass es weh tut. Ob das funktioniert, wissen wir auch nicht. Wir müssen auch lernen mit den Dingen umgehen.“

Brisante Situation mit offenem Ausgang

Vorangegangene Gentets haben eine Genidentität ergeben. Das heißt, dass in mehreren Fällen dasselbe Tier in der Krüssauer Herde gewesen ist. Nachdem in vorangegangenen Fällen aus Kostengründen nicht alle bei Wilbergs Schafen genommenen Proben auch ins Labor geschickt worden waren, sollen in den aktuellen Fällen alle Proben eingeschickt werden.

Andreas Berbig spricht von einer brisanten Situation, die so nicht hinnehmbar sei: „Es ist noch offen, wo das mündet.“ Spricht man ihn auf den Begriff „Problemwolf“ an, erinnert Berbig daran, dass der Begriff nicht klar definiert sei. „Aus der Praxis ist bekannt, dass eine Entnahme solch eines Tieres schwierig ist.“

Wenngleich das WZI nicht von einem eigenen Rudel in Krüssau ausgeht, benennt das Landesamt für Umweltschutz im Wolfsmonitoring 2018 in der Nachbarschaft zwei Rudelterritorien bei Parchen und in der Stresower Heide. Angaben zum Wolfsvor- kommen in Sachsen-Anhalt werden im jährlichen Monitoringbericht veröffentlicht.