Altes Handwerk

Wie Glas vom Luxusgut zum Alltagsgegenstand wurde

Glas ist faszinierend und ein Werkstoff mit einer langen Geschichte. Das Handwerk des Glasmachers war auch in Jerichow zu Hause und mit dem Beruf des Glasers wird es hier auf vielfältige Weise weitergeführt.

Von Thomas Skiba
Diplomrestauratorin Claudia Böttcher aus Magdeburg zeigt auf Bleiglasfenster an der Klosteranlage Jerichow. Die Klöster bewahrten lange zeit die Kunst der Glasherstellung.
Diplomrestauratorin Claudia Böttcher aus Magdeburg zeigt auf Bleiglasfenster an der Klosteranlage Jerichow. Die Klöster bewahrten lange zeit die Kunst der Glasherstellung. Foto: Thomas Skba

Redekin - „Scherben bringen Glück“ – Stimmt das? Früher war Glas teuer, ein Verlust wurde als Pech und als finanzieller Verlust betrachtet. Eine andere Interpretation liegt im Handwerk des Glasmachers, das lange Zeit als geheimnisvoll galt. Das Glas wurde als etwas Mystisches betrachtet.

Zwei Hauptberufszweige bildeten sich rund um den Werkstoff Glas heraus und beide bedingten einander: Der Glaser und der Glasbläser, auch Glasmacher genannt.

Dabei ist die Arbeit der Glaser nicht zu verwechseln mit den Tätigkeiten des Glasmachers. Während Letzterer das Glas herstellte, verarbeitete der Glaser das vom Glasmacher fabrizierte Flach- oder Spiegelglas weiter. Seine Hauptprodukte waren in erster Linie Fensterverglasungen und Laternen. Besonders die Herstellung von Laternen aller Art und Größe war eine zweite wichtige Einnahmequelle der Glaser bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

In den Zeiten als die Haus- und Straßenbeleuchtung noch aus Kerzen- und Öllaternen bestand, oblag allein den Glasern deren Her- und Aufstellung.

Glas besitzt als Werkstoff einen festen Platz unter den Baustoffen und das schon seit Jahrtausenden. Großen Einfluss dabei hatte die Entwicklung der Glasherstellung in Venedig. Die Venezianer brachten mit der Eroberung Konstantinopels (heute Istanbul/ Türkei) im Jahre 1204, die antiken Kenntnisse und Fertigkeiten der Glasfertigung nach Mitteleuropa.

In unserer Region waren es besonders die Klöster, die hauptsächlich für den Eigenbedarf produzierten und Glas für Kirchenfenster oder Lichtampeln daraus herstellten. Für Bürger- oder Bauernhäuser, ja selbst für die Wohnsitze des Adels gab es noch keine Fensterverglasungen. Diese wurden zumeist mit einem hölzernen Fensterladen geschlossen. Wer etwas vermögender war, leistete sich wenigstens Fenster aus ölgetränktem Papier. Solcherart Fenster waren noch im 18. Jahrhundert in Gebrauch. Außerhalb der Klöster wurde erstmals in der ältesten, 1363 verfassten Gewerbeliste der Stadt Nürnberg ein Stadtglaser erwähnt.

Das Handwerk spaltete sich in mehrere Berufszweige auf, wie den Glasbläser, der sich jeweils auf Hohl- oder Flachglas spezialisierte und damit den Werkstoff an sich produzierte. Darauf setzten die Glasbearbeiter-Gewerke auf: Glaser, Glasmaler, Perlenmacher und der sogenannten Spiegler. Diese Handwerker belegten Glas mit Blei oder Quecksilber, um daraus Spiegel jeder Größe und Form herstellten – übrigens der gesundheitsgefährdendste Zweig des Glasmachens überhaupt.

Zum Handwerkszeug des Glasers gehörten damals Lötkolben, Bleihammer und Kröseleisen. Mit dem Lötkolben wurden die Bleistränge erwärmt, die die Scheibe im Rahmen hielten, später wurde dafür Fensterkitt genutzt. Mit dem Kröseleisen trennte der Handwerker das Glas in passgerechte Stücke und mit dem Hammer formte er das Blei. Diese Art des Herstellens von Fenstern wird in unserem an alten Kirchen und historischen Gebäuden reichen Landstrich immer noch benötigt, so dass die meisten Glaser weiterhin über die Kenntnisse alter Technologien verfügen und diese an ihren Handwerkernachwuchs weitergeben.

Die Firma Hohenstein Isolierglas GmbH von Glasermeister Hermann Hohenstein mit ihrem Standort im Jerichower Ortsteil Redekin stellt sich bis heute der traditionellen Glasbearbeitung und setzt gleichzeitig mit neuen Technologien ein Zeichen, so das ein Aussterben des Glaserhandwerks nicht zu befürchten ist, im Gegenteil, es ist ein Handwerk mit Zukunft. Urgroßvater Ferdinand Hohenstein gründete 1879 seine eigene Glaserei - in Jerichow.

Zu dieser Zeit begann Glas auch für die einfache Bevölkerung erschwinglich zu werden. So hatte der Glaser alle Hände voll zu tun, selbst dann, wenn alle Fensterrahmen mit dem transparenten Werkstoff bestückt waren.

Schließlich galt es immer wieder, zerbrochene Fensterscheiben zu ersetzen, eine Tätigkeit, die bis heute zu den Grundfähigkeiten eines jeden Glasers gehört.

Glasermeister Hermann Hohenstein aus Jerichow macht sich mit Sicherheitsverglasung an Gebäuden einen Namen – sie ist in ganz Europa gefragt.
Glasermeister Hermann Hohenstein aus Jerichow macht sich mit Sicherheitsverglasung an Gebäuden einen Namen – sie ist in ganz Europa gefragt.
Foto: Thomas Skiba