Wasserwirtschaft

Aufgeklärt: So wird das Abwasser in Gardelegen gereinigt

Aus Wasser Wein machen können sie nicht, aber ein ähnliches Wunder schaffen die Angestellten des Klärwerkes in Gardelegen: Sie verwandeln unser Ab- in Brauchwasser.

Von Stefanie Brandt 03.07.2021, 04:15
Karsten Scholz, der technische Leiter des Wasserverbandes Gardelegen, hat den vollen Überblick über die Abläufe im Klärwerk.
Karsten Scholz, der technische Leiter des Wasserverbandes Gardelegen, hat den vollen Überblick über die Abläufe im Klärwerk. Fotos: Stefanie Brandt

Gardelegen - Nach dem „Ziehen“ – wobei sich das heute in den meisten Fällen mehr um ein Drücken handelt – und dem Spülgeräusch heißt das Motto für die meisten von uns wohl „Aus den Augen aus dem Sinn“. Doch was passiert mit unserem Abwasser?

Rund 180 Kilometer Rohrleitungen mit natürlichem Gefälle und ebenso viele Kilometer Druckleitungen verbinden die Haushalte des Wasserverbandes Gardelegen mit den Klärwerken. Das Gardelegener Werk ist für 50 000 Haushalte ausgelegt.

Energie soll gespart werden

Dort angekommen, wird das Abwasser über eine Hebestation mit Schneckenlaufwerken befördert. „In aller Regel ist eine Kläranlage so geplant, dass beim Zulauf der höchste Punkt ist, damit man im weiteren Verlauf das Abwasser so wenig wie möglich heben muss. Von dort fließt das Abwasser im freien Gefälle, bis es an der letzten Station, der Übergabe ins Gewässer, als gereinigtes Abwasser die Anlage verlässt. Es geht um Energieeffizienz“, erklärt Scholz. Bei Trockenwetter hat das Werk einen Durchsatz von 3500 bis 4000 Kubikmeter Wasser am Tag.

Von der Hebestation aus geht es dann in die erste Reinigung. „Moderne Kläranlagen sind dreistufig aufgebaut, was die Reinigung angeht. Beginnend mit einer mechanischen Reinigung, um die nachgeschalteten Bereiche und Anlagen zu schützen“, so der Fachmann. Grobstoffe, Sande und Kiese werden durch zwei Stufenrechen beziehungsweise einen Sand- und Fettfang herausgefiltert.

Feuchtes Toilettenpapier als Störfaktor

Am Ende haben Rechengut beziehungsweise Sandfanggut das Abwasser verlassen und werden zur Deponie gegeben. Das Rechengut wird in der Regel verbrannt. Wer einmal an einem der damit gefüllten Container gerochen hat, weiß auch warum. Und vielleicht benutzt derjenige dann auch kein feuchtes Toilettenpapier mehr. Das löst sich nämlich, „auch wenn manche Hersteller das versprechen“, nicht im Abwasser auf, sondern ist Teil des Rechengutes. „Es führt zu Störungen und Problemen im Ablauf“, berichtet Scholz, dessen Mitarbeiter aber auch schon ganz andere „Schadstoffe“, wie zum Beispiel etliche Jacken, die ein Dieb entsorgt hatte, aus der Anlage gefischt haben.

Der Sand hingegen wird von organischen Anhaftungen befreit, in die Kompostierung gegeben und dann zur landbaulichen Weiterverwertung aufbereitet.

Stress für die Bakterien

Für das Wasser beginnt nun die biologische Reinigung mit der Phosphor-Eliminierung. „Phosphor ist als Grenzwert definiert, weil es unter anderem ein guter Düngemittelstoff ist, im Gewässer aber zur Eutrophierung führen kann, also zu einer überschüssigen Belastung mit Düngematerial, die zu starkem Algenwachstum führt“, weist Scholz auf die Gefahr hin. Deshalb muss dieser Stoff abgebaut werden. Das passiert mit der Hilfe von Mikrobakterien, die dem Abwasser quasi eingeimpft werden, indem es mit Rücklaufschlamm aus einem späteren Reinigungsprozess versetzt wird. Diese Bakterien nehmen unter Stress, der durch Sauerstoffmangel erzeugt wird, Phosphor auf.

In den sogenannten Belebungsbecken – weil hier in Zeitintervallen Sauerstoff hinzugefügt wird – folgen der Kohlenstoff-, Ammonium- und Nitrat-Stickstoffabbau, ebenfalls mittels Bakterienstämmen. „Gerade das, was durch den Urin an Ammoniumnitrat eingetragen wird, das wird hier gereinigt“, hat Scholz auch gleich eine Erklärung dafür, dass seine Mitarbeiter „mit Erkältungskrankheiten eher weniger zu tun haben“ – Ammoniak macht bekanntlich die Nase frei.

Sogenannte Belebtschlammflocken nutzen den durch Rohre feinblasig eingetragenen Sauerstoff – es wird kein reiner Sauerstoff, sondern normale Luft verwendet – für ihre Stoffwechselprozesse und bauen Ammonium über Nitrit zu Nitrat um. Sie lagern also Sauerstoff in die Verbindung ein. Es folgt eine Phase, in der dem Becken kein Sauerstoff zugeführt wird, weil dann das Nitrat von einem zweitem Bakterienstamm abgebaut wird. Der nutzt den angelagerten Sauerstoff aus dem Nitrat für seinen Stoffwechsel und lässt gasförmigen Stickstoff über, der einfach in die Atmosphäre entweicht.

Zoowärter im Klärwerk

„Wir sind quasi wie Zoowärter. Wir sind verantwortlich dafür, dass es unseren Bakterien gut geht. Wenn es denen gut geht, dann machen sie ihren Job vernünftig, so dass wir gute Qualität an gereinigtem Abwasser haben“, zieht Scholz einen einfachen Vergleich heran. Dabei sind die Mitarbeiter im Klärwerk nicht nur Zoowärter, sondern auch Biologen, Chemiker und Schlosser. Selbst die Überprüfung der Abwasserwerte liegt in ihrer Hand, das genört zur Eigenüberwachung des Klärwerkes.

Gefährlich wird es, wenn Teile der Biologie absterben. „Wir müssen dann herausfinden, wo die Schadeinträge herkommen. Verursacher zu finden, ist müßig.“ Zum Glück gibt es in Gardelegen eine zweistraßige Anlage. Das heißt, stirbt in einer Straße die Biologie ab, kann die zweite dennoch betrieben werden.

Absicherung für Wartungsfälle

Dass es im Werk zwei Straßen und zum Beispiel sogar drei Belebungsbecken und Hebeschnecken gibt, ist der besseren Handhabbarkeit geschuldet. Für Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten kann ein Teil der Anlage abgeschaltet werden. Im Falle von starken Regenfällen kann zum Beispiel eine zweite Hebeschnecke zugeschaltet werden. Für diesen Fall gibt es auch ein zusätzliches Speicherbecken, in dem überschüssige Wassermengen eine zeitlang aufbewahrt werden können.

Im Normalfall gelangt das Wasser im letzten Schritt in die Nachklärungsbecken. Hier dreht sich sehr langsam eine Räumerbrücke, die unten ein Räumschild hat. Im konisch zulaufenden Becken sinkt der Schlamm ab und wird durch dieses Schiebeschild in einen Trichter abgeführt.

Selbst der Klärschlamm wird genutzt

Das gereinigte Wasser fließt dann oben ab und wird nach insgesamt 2,5 bis drei Tagen Aufenthalt in der Anlage über einen Graben hinter dem Klärwerk in die Milde eingeleitet.

Als Abfallprodukt bleibt nur der Klärschlamm übrig, aus dem das Werk durch die im Jahr 2011 in Betrieb gegangene Faulungsanlage mit angeschlossenem Blockheizkraftwerk aber auch noch Energie in Form von Strom und Wärme gewinnt.

Ein zweistraßig geführter Langsandfang, der das Wasser abbremst, so dass schwere Schwebteile zu Boden sinken.
Ein zweistraßig geführter Langsandfang, der das Wasser abbremst, so dass schwere Schwebteile zu Boden sinken.
Stefanie Brandt
Das oben schwimmende Fett wird im Sand- und Fettfang des Klärwerkes Gardelegen vom Abwasser abgezogen.
Das oben schwimmende Fett wird im Sand- und Fettfang des Klärwerkes Gardelegen vom Abwasser abgezogen.
Stefanie Brandt