Buchautorin und Verlagschefin

Aus der Altmark auf den Chefsessel in der Schweiz

Wie leiten Frauen ein Team? Was unterscheidet sie von ihren männlichen Kollegen? Sollten Frauen wie Männer leiten – oder ganz anders? Elisabeth Schoft, waschechte Gardelegenerin, hat darüber ein Buch geschrieben. Der Volksstimme verrät die 31-Jährige, wie es dazu kam – und sie schaute auch gern mal wieder vorbei. Denn immerhin begann in der Volksstimme- Redaktion vor Ort ihr beruflicher Weg.

Von Gesine Biermann 15.07.2021, 17:02
Autorin Elisabeth Schoft, die in der Altmark aufwuchs, schrieb ein Buch über weibliche Führungskräfte. Es gab nämlich keinen Ratgeber, der der jungen Chefin gefiel.
Autorin Elisabeth Schoft, die in der Altmark aufwuchs, schrieb ein Buch über weibliche Führungskräfte. Es gab nämlich keinen Ratgeber, der der jungen Chefin gefiel. Foto: Gesine Biermann

Gardelegen - Die Räume sind ihr noch vertraut. Elisabeth Schoft schaut sich vor wenigen Tagen neugierig um in der Gardelegener Redaktion. „Hier fing ja eigentlich alles an“, sagt sie. Als sie die 2006 zum ersten Mal betritt, ist sie erst 14 und noch Schülerin. Jemand hatte ihr gesagt: „Mach doch einfach mal ein Praktikum bei der Zeitung.“ Dass damit ihre „Karriere“ beginnt, das hätte sie sich damals noch nicht träumen lassen. Heute betont sie: „Wäre das nicht gewesen, wäre ich nicht auf den Medienweg gekommen.“

Auf dem ist sie immer noch. Und das sehr erfolgreich. Nach dem Abi in Gardelegen, dem Studium in Kommunikationswissenschaften und Anglistik und dem Master in Medienmanagement wird sie zunächst als Marketing-Managerin in einem Schweizer Verlag eingestellt. Nach nur zwei Jahren bietet ihr das Baseler Unternehmen dann schon den Posten der Abteilungsleiterin für Presse und Marketing an. Da ist sie 28. Die Beförderung kommt ziemlich überraschend. Plötzlich leitet sie ein Team von Mitarbeitern ...

Na gut, ein bisschen Erfahrung hat Elisabeth Schoft da schon – immerhin hatte sie mit 22 Jahren die Chefredaktion einer Jugendzeitschrift und damit ein 15-köpfiges Team junger ehrenamtlicher Autoren übernommen. Sechs Jahre lang ist sie da federführend und parallel dazu auch noch im Leitungsteam ihrer Jugendkirche aktiv. Und doch: Beruflich plötzlich auf dem Chefsessel zu sitzen, sei schon andere Hausnummer gewesen, gibt die 31-Jährige zu.

Mir ging es aber eigentlich nur darum: Wie werde ich besser, damit die anderen besser werden.

Und so macht sie sich 2018 im Urlaub – in dem sie sich für oder gegen das Jobangebot entscheiden muss – auf die Suche nach einem Ratgeber, „dessen Lektüre mir viele schmerzhafte Fehler ersparen würde – ein Buch, dessen Inhalt ich einfach nur wie ein trockener Schwamm das Wasser in mich aufsaugen müsste, um mich in kürzester Zeit in eine gute Leiterin zu verwandeln, um erfolgreich die geforderte Leistung zu bringen und wenigstens die ersten 100 Tage kompetent durchzuhalten, bevor mir jemand vor die Nase gesetzt werden würde, der es besser konnte ...“

So schreibt sie es selbst später in ihrem Buch. Denn weil sie selbst so gar keinen vernünftigen Ratgeber findet, macht die junge Frau genau das: Sie setzt sich hin, schreibt über das Thema, das sie selbst betrifft – schreiben kann sie schließlich – ein Buch, und zwar genau so eines, das sie sich gewünscht hätte, und nennt es „Leiten auf weiblich“. Ein cooler Ratgeber für junge Frauen, die, wie sie, plötzlich Chefin sind.

Chefinnen sind nämlich anders als Chefs, sagt Schoft. „Frauen müssen härter arbeiten, um sich ihren Platz zu verdienen.“ Männer hätten nach ihrer Erfahrung zudem ein anderes Selbstverständnis. „Klar gibt es genügend Businessratgeber“, allerdings stünde da eben meist die eigene Karriere im Fokus. „Mir ging es aber eigentlich nur darum: Wie werde ich besser, damit die anderen besser werden.“ Genau diese Art der Ratschläge habe ihr in sämtlichen Ratgebern einfach gefehlt, betont Schoft. Und sie hat einige gelesen, kann das beurteilen. Sie liest nämlich ohnehin gern Sachliteratur. Sogar in ihrer Freizeit. „Lieber ein Fachbuch, als einen Roman“, sagt sie schmunzelnd.

Weil sie eine Frau ist, eine junge noch dazu, weiß sie, wie ihre Geschlechtsgenossinnen ticken. Und weil sie auch schon mit männlichen Chefs zusammengearbeitet hat, kennt sie eben die besagten Unterschiede zwischen den Geschlechtern – aber auch die, und das macht die Sache besonders spannend, zwischen Ost und West: „Die werden sogar größer, je weiter westlich man in Deutschland lebt ...“

Was ist schon Karriere machen? Ich mache doch einfach nur meinen Job.

Als im Osten aufgewachsene junge Frau ist für sie nämlich vieles selbstverständlich. Dass ihre Mutter ebenso wie ihr Vater arbeitet, ist Normalität: „Meine Mutter führte bereits zwei Jahre vor meiner Geburt die funktionsdiagnostische Abteilung eines Kreis-Krankenhauses mit fünf Mitarbeiterinnen – und leitete sie sagenhafte 33 Jahre lang bis zur Rente“, schreibt sie in ihrem Buch. Und im Gespräch mit der Volksstimme sagt sie liebevoll: „Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, was meine Mutter alles geleistet hat.“ Das typische Frauenbild in den alten Bundesländern sei dagegen auch heute vielerorts noch ausschließlich geprägt von der Mutterrolle, erzählt sie, und schreibt in ihrem Buch: „Eine Frage, die Frauen in Leiterschaft im (konservativ-)christlichen Kontext immer wieder begegnet, lautet: ,Dürfen die das eigentlich?’. Meist unausgesprochen bleibt die zweite Frage: ,Können die das überhaupt?’“

Nun, sie kann. Das hat Elisabeth Schoft in den vergangenen Jahren in ihrem Verlag bewiesen. Auch wenn sie selbst das zuweilen gar nicht so sieht: „Aber ist das schon Karriere machen, von dem immer alle reden? Für mich klingt das merkwürdig. Ich mache doch einfach nur meinen Job!“, fragt sie in „Leiten auf weiblich“. Dass sie ihn gern macht, ihren Job, merkt man ihr zumindest an. Und noch etwas gibt die junge Chefin zu: Je länger sie weg sei, desto mehr gefalle ihr die Altmark.

Nun, ihr Buch hat es schon mal in die Gardelegener Buchhandlung geschafft. Und eine persönliche Rückkehr, „zumindest ein Stückchen näher ran“, ist vielleicht auch nicht ganz ausgeschlossen. Übrigens – trotz aller beruflichen Ambitionen – auch die Familienplanung nicht. Mütter sind schließlich auch Chefinnen ...