Letzlingen l Eigentlich könnte sie sich mit Wetten an jedem dienstfreien Wochenende ein bisschen Geld dazuverdienen. Bei: Wetten, du errätst nie, was ich beruflich mache, würde sie nämlich immer gewinnen. Jede Wette!

Zwar ist es gar nicht mehr so ungewöhnlich, dass auch Frauen zur Bundeswehr gehen, seit 2001 sogar Dienst an der Waffe leisten. Rund 12 Prozent der Truppe sind ja mittlerweile schon Soldatinnen. Bei den Jägern allerdings ist der Frauenanteil ganz deutlich niedriger. Aber genau dort wollte sie von Anfang an hin, versichert Sarah Gabriel. Der kleine Umweg, den sie vorher machte – geschenkt ...

Erster Beruf: Friseurin

„Ich weiß, dass Sie jetzt lachen“, sagt die hübsche junge Frau in Uniform augenzwinkernd. „Aber ich habe tatsächlich eine abgeschlossene Ausbildung als Friseurin. Ich hab sogar den bayerischen Staatspreis für gute Noten in der Ausbildung bekommen.“ Aber so richtig identifiziert mit diesem Beruf habe sie sich eben nie, sagt die 24-Jährige. Irgendwie sei sie immer auf der Suche nach etwas gewesen, das sie mehr ausfüllt.

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Und dann ist es eine Dokumentation im Fernsehen über die Bundeswehr, die irgendwas in ihr anstößt. „In meinem Bekanntenkreis hatte ich damals auch ein paar Soldaten.“ Mit ihnen spricht sie darüber. Und die machen ihr Mut, es zu versuchen: „Sie haben gesagt: Du wolltest doch immer was anderes. Bewirb dich!“ Und genau das macht sie. Und bekommt schon kurz darauf im März 2015 eine Einladung zum Einstellungstest.

Der läuft gut, auch wenn eine leichte Sehschwäche verhindert, dass sie jemals Jetpilotin oder Minentaucherin werden kann. Aber das will die damals 21-Jährige sowieso nicht. Das sagt sie auch den Soldaten beim Einstellungstest: Sie will nach draußen und kämpfen, „auch wenn mir schon klar war, dass bei den Jägern kaum Frauen sind ...“

Grundausbildung in Füssen

Schon am 1. Oktober 2015 ist sie tatsächlich bei den Jägern. Grundausbildung in Füssen, im 40. Feldwebelanwärter-Bataillon. Allgemeine militärische Ausbildung, dann der militärische Fachteil in Hammelburg. Wehrrecht, Soldatenrecht, Führungskurse, vertraut machen mit dem MG4, dem MG3 und der Panzerfaust.

Im ganzen Bataillon gibt es nur vier Soldatinnen. Eine geht wieder. Drei bleiben. Auf einer Stube. Auf dem selben Flur wie die Männer. Zu manchen von damals hat sie immer noch Kontakt. „Das ist einfach cool, wie vernetzt man hier ist. Man lernt so viele Leute kennen. Eigentlich ist die Bundeswehr wie ein Dorf.“

Ihr ganz persönliches „Dorf“, beruflich gesehen, ist nun allerdings Letzlingen. Das Gefechtsübungszentrum Heer ist Sarahs militärische Heimat. Alle Kurse hat sie im März abgeschlossen. Ab Oktober wird sie Frau Feldwebel sein. Dann werden 30 Soldaten unter ihr ihren Dienst tun. Alles Männer. Und die müssen ihre Befehle befolgen.

Keine Rollenklischees

Geht das gut? Klares „Ja“ von Frau Feldwebel in spe. „Sicher sind immer ein paar dabei, die meckern. Aber das würden die auch unter einem männlichen Feldwebel tun.“ Geschlechterrollenklischees, hier scheint es sie tatsächlich nicht zu geben. Dienstgrad ist Dienstgrad. Das gilt für den ganz normalen beruflichen Alltag – Innendienst, Übungsvorbereitungen, Schießen, Sport, Eigenausbildung. Bürokram – und genau so für die Übungen, Wald- und Häuserkampftraining. Derzeit „nur“ nach Drehbuch, mal im Hinterhalt, als „der Feind“, mal unter Beschuss, mal als angreifende Truppe.

Das würde aber auch für den Ernstfall gelten. Wenn der Befehl zum Auslandseinsatz kommen würde ... „dann ist das so“, sagt Sarah, ganz ohne Pathos und Umschweife, „dann würde ich dorthin gehen, wohin man mich schickt.“ Ganz einfach. Und da lässt sich eine echte Soldatin auch nicht von ketzerischen Pressefragen ins Bockshorn jagen.

„Nö!“, die Ausrüstung ist nicht zu schwer. Volle Kampfmontur, Helm und so ein paar Anhängsel wie Gewehr, Funkgerät, Kompass, Signalpistole, Munition, Feldstecher. „Passt schon.“ Und vergisst man da nicht auch mal was? „Nö!“ Kurzer Check: „Essen, Trinken, Handgranate, alles da.“

Guter Umgangston

Aber das Aufsitzen auf den Transportpanzer Fuchs, das fällt ihr doch bestimmt schwerer als den Männern mit soviel Equipment ...? Nö! Mit einem Satz ist sie oben bei den Jungs, das Gewehr auf dem Schoß, alle kaum auseinanderzuhalten, in Kampfmontur und „Fresse grün“, also mit jeder Menge Tarnschminke im Gesicht.

Und auch kurz darauf, im Wald, gibt es keine Unterschiede. Da helfen ihr die Männer ganz selbstverständlich bei der Helmtarnung, stecken ihr Zweige und Äste an. Richtig professionell übrigens. Den nächsten Adventskranz würden sie sicher auch gut hinkriegen. Ob weiblich oder männlich, das spielt hier offensichtlich überhaupt keine Rolle. Sie alle sind Berufssoldaten und im Ernstfall aufeinander angewiesen. Das spürt man in jedem Moment.

Und es herrscht auch ein guter Ton zwischen ihnen. Gutmütige Frotzeleien nimmt keiner krumm. Auch die künftige Frau Feldwebel nicht. Und sie lässt sich schon wieder nicht aus der Reserve locken mit der Frage, was wäre, wenn sie einer der Männer bittet, ihm mal die Haare zu schneiden, schließlich ist sie ja vom Fach? „Dann mach ich das“, sagt sie grinsend. Was sonst?

Für Nachwuchs kürzer treten

Aber dann, ganz am Ende des Treffens mit Sarah, ist er dann plötzlich doch da, der eine Moment, der zeigt, dass sie eine Frau ist. Denn für eine Sache würde sie irgendwann wohl kürzer treten, gibt sie zu. Wenn Nachwuchs käme, „ja dann müsste ich umplanen“. Ein bisschen zumindest, denn „mein Freund ist auch Soldat“, sagt sie fröhlich. Der hat zwar einen höheren Dienstgrad, „aber bei uns zu Hause bin ich der General.“