Zichtau l Ausgemergelte und abgemagerte Gestalten zogen am Abend des 11. April 1945 plötzlich in Zichtau ein und brachen in der Nähe der Kirche, wo für die Nacht Pause gemacht wurde, fast zusammen. Ein erbarmungswürdiger Anblick, der auch den Dorfbewohnern nahe ging. Sie wollten helfen und versuchten, den Menschen wenigstens einige Dämpfkartoffeln zuzustecken. Doch die Männer der Wachmannschaft gingen dazwischen und schlugen mit den Gewehrkolben auf die Helfenden ein, so dass sie zurückschreckten. Dazu die unheilvolle Drohung: „Wenn ihr das noch mal macht...“ Bei den Gestalten handelte es sich um KZ-Häftlinge, die mit dem Zug in Mieste gestrandet waren und von den Nazis auf den Todesmarsch nach Gardelegen getrieben wurden, der am 13. April für viele von ihnen in der Feldscheune Isenschnibbe mit dem Tod endete.

Erzählen und Erinnern gegen das Vergessen

Hans-Henning Weichert vom Gemeindekirchenrat berichtet immer wieder über dieses Ereignis vor 75 Jahren, um es im Gedächtnis der Menschen zu halten. Er selbst kennt es nicht aus eigener Erfahrung, hat es nicht mit eigenen Augen gesehen. Er wurde erst ein Jahr später in Danzig geboren und kam mit seiner Familie 1950 nach Zichtau. „Die Älteren im Dorf erzählten aber immer wieder davon“, berichtet er im Gespräch mit der Volksstimme. Doch auch sie werden immer weniger, weshalb er nun das Erzählen übernommen habe, um die Erinnerung an die düstere Zeit als Mahnung wach zu halten. „Das darf nicht vergessen werden“, macht er deutlich.

Stopp bringt die Freiheit

Was erst später bekannt wurde: Der Zwischenstopp der KZ-Häftlinge in Zichtau hat für drei von ihnen aus Belgien die Freiheit gebracht, berichtet Weichert. Zunächst bemerkte der damalige Pfarrer am Morgen des 12. Aprils nur, dass die Kirchentür an der Nordseite des Gotteshauses offen stand und zwei Kerzen auf dem Altar fehlten. Auch war im Inneren der Kirche die dicke Eichentür zur Gruft aufgebrochen – und zwar von der Gruft aus.

Zwei Kerzen für den Altar

Was genau an diesem Abend und in der Nacht passiert war, erzählte Jahre später Pierre Stippelmans bei seinen beiden Besuchen in Zichtau. Denn er war einer der Geflüchteten und Überlebenden. 1988 war er zum ersten Mal dort, besuchte die Kirche als Stätte seiner Freiheit und brachte zwei Kerzen für die entwendeten mit. 1995 weilte er noch einmal in der Altmark und in Zichtau, und zwar auf den Tag genau 50 Jahre nach seiner Flucht. Anlass war der 50. Jahrestag des Massakers in der Feldscheune Isenschnibbe.

Wie Pierre Stippelmans damals erzählte und auch in seinem Buch „Meine Geschichte, Razzia in Sint-Truiden 1943 - 1945“ für die Nachwelt niederschrieb, wurde er als belgischer Widerstandskämpfer im Mai 1943 gemeinsam mit seinem Bruder Fernand festgenommen und überlebte zwei Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern. Von Dora aus sollten die KZ-Häftlinge mit dem Zug nach Bergen-Belsen gebracht werden. In Mieste allerdings war die Reise zu Ende. Die KZ-Häftlinge wurden zu Fuß in Richtung Gardelegen getrieben. Am Abend wurde an der Kreuzung in Zichtau Halt gemacht. Es sollte nur eine kurze Rast sein. Die Wachen wurden von drei Volkssturmmännern in ein Gespräch verwickelt. Und Pierre, sein Bruder Fernand und ihr Freund Roger suchten sich total erschöpft einen ruhigen Platz. Es war zwar extrem dunkel, aber dennoch erblickte Pierre Stippelmans die Friedhofsmauer. Dorthin lief er, gefolgt von den beiden anderen. Mit gegenseitiger Hilfe überwanden sie die Mauer und landeten auf dem Friedhof.

Auf dem Bauch krochen sie zwischen die Grabsteine, blieben unbeweglich liegen, zitternd vor Aufregung und Kälte, dennoch vor Angst schweißnass. Sie warteten. Plötzlich das Geschrei der Wachleute, dass es weitergeht. Wenig später begann das Klacken der Holzschuhe auf dem Pflaster. Es wurde immer schwächer und verstummte. Als es allmählich heller wurde, begriffen die drei, dass sie es geschafft hatten.

Die Flucht war gelungen, aber lange noch nicht zu Ende. Als sie ein Loch in der Kirchenmauer bemerkten, zwängten sie sich hindurch. Es waren die schmalen Belüftungsschlitze für die Gruft, in der sie landeten. Sie fühlten sich sicher und legten sich schlafen. Pierre Stippelmans müssen Alpträume gequält haben, denn er wurde von den beiden anderen unsanft geweckt, damit er mit seinem Gekreische nicht das Dorf aufweckt. Und sie wollten raus, entdeckten eine Tür und hebelten sie mit einer Eisenstange, die sie aus einem der Särge gezogen hatten, auf. Eine Treppe führte in die Kirche, wo die drei dreckig und stinkend, aber dem Tod entronnen vor dem Altar in die Knie sanken. Fernand begann laut das Ave Maria zu beten.

Von Zichtau über Engersen nach Klötze

Pierre Stippelmans stieg in den Turm, von wo aus er das ganze Dorf überblicken konnte. Es war menschenleer. Die drei wollten nur noch fort. Sie rissen sich die Nummern von ihrer Häftlingskleidung ab. Bewaffnet mit der Eisenstange und zwei Kerzen, die sie vom Altar mitnahmen, machten sie sich aus der Kirchentür an der Nordseite davon. Wie der Belgier in seinem Buch schreibt, irrten sie noch zwei Tage in der Gegend herum, immer wachsam, immer auf der Suche nach Essbarem. In einem Dorf stießen sie dann auf einen amerikanischen Soldaten. Das war in Engersen – ihr Ort der endgültigen Freiheit.

Der Soldat schickte die drei weiter nach Klötze. Von dort wurden sie in ein Krankenhaus nach Hannover gebracht, bevor es heimwärts ging.

Dort hörten sie auch vom Massaker in der Gardelegener Feldscheune, dem sie entkommen waren.