Suchtberatung

„Es muss zum Essen Bier geben“

Laut einer Information der Bundesregierung verbringt jedes fünfte Kind in Deutschland seinen Alltag in einem suchtbelasteten Familienumfeld.

Gardelegen l In diesem Jahr gab es coronabedingt in der Hansestadt keine Veranstaltungen im Rahmen der Aktionswoche, zu der die NACOA (National Association for Children of Alcoholics) vom 9. bis 15. Februar aufrief. „Es gibt aber einen großen Bedarf“, weiß Juliane Ensminger, Leiterin der AWO (Arbeiterwohlfahrt) Sucht- und Drogenberatungsstelle in Gardelegen.

„Wir haben im letzten Jahr ein paar Veranstaltungen angeboten, in denen über den Umgang mit Kindern aus suchtbelasteten Familien aufgeklärt wurde“, berichtet die Diplom-Sozialpädagogin. Zahlreiche Kita-Erzieherinnen nahmen die Angebote wahr. Diese Seminare sollen auch 2021 angeboten werden – in digitaler oder analoger Form, je nachdem was die Verordnungen zulassen.

Die Teilnehmer werden dabei unter anderem für die vier Rollen sensibilisiert, welche Kinder einnehmen können, die aus suchtbelasteten Familien kommen. „Sie tun das, um ihre Familie zu schützen oder eine Funktion in der Familie auszufüllen“, weiß Ensminger, die auch von Rückmeldungen der Betreuungskräfte berichtet.

„Plötzlich werden Erzieher hellhörig. Es ist interessant zu sehen, wie nahe einem dieses Thema auf einmal kommt, auch wenn man vorher dachte: ‚Solche Kinder habe ich nicht dabei.‘ Die nächste Frage ist dann: Was kann man für diese Kinder tun?“

Bemerkt wird der eventuell kritische familiäre Hintergrund häufig bei der Beobachtung des Spielverhaltens. „Da wird dann im Spaß getorkelt, oder es muss zum Essen Bier geben, wenn man Familie spielt“, benennt Ensminger Beispiele. Die wenigsten Kinder würden direkt von ihren Problemen berichten, da sie das als Familiengeheimnis betrachten.

Ein wichtiger Schritt sei deshalb, ihnen einfach nur ein offenes Ohr anzubieten. „Bewiesenermaßen“ sei es das Beste, wenn dies eine Person sei, zu der es Vertrauen habe und die nichts über den Kopf des Kindes hinweg entscheidet. „Das kann ein Sportlehrer sein oder die Nachbarin. Das Kind braucht einen Platz, wo es sein darf, wie es ist, wo es Vertrauen findet und nicht mit Fragen gelöchert wird. Wenn es so etwas gibt, dann kann es sich auch normal entwickeln.“ Häufig hört die Pädagogin Geschichten von Suchtkranken, die ihr berichten, dass auch die Eltern schon suchtkrank waren.

„Es gibt eine genetische Veranlagung. Bei Jungen kommt es öfter vor, dass auch sie alkoholkrank werden. Es ist wie Herpes. Man hat es in sich, aber ob es ausbricht, hat viel mit den Umständen zu tun.“ Fühlen sich die Kinder in der Schule wohl oder sind sie Außenseiter? Haben sie eine Person, der sie sich anvertrauen können? Das alles würde in die Entwicklung hinein spielen.

In Großstädten gibt es sogar Treffpunkte für diese Kinder, in denen sie sich untereinander austauschen können. Ein solches Angebot existiert in der Hansestadt zwar nicht, aber die Sozialarbeiterin weist auf die Angebote hin, die in Kürze auf der Homepage der Awo unter www.awo-aksaw.de zu finden sein werden.