Gardelegen l Sie stammen aus Deutschland, Russland und der Ukraine. Ihre Geschichten sind unterschiedlich, aber eins vereint sie: Sie haben in ihrer Kindheit den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Nun erzählen sie von ihren Erinnerungen an die Jahre 1939 bis 1945.

Das Buch „Kinder des Krieges“ ist ein besonderes Buch. Mit einer Lesung aus dem Band voller Erinnerungen möchten der Förderverein der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe, der Bibliotheksförderverein und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge an den Beginn des Zweiten Weltkrieges erinnern. Die Lesung am Mittwoch, 17. April, beginnt um 19 Uhr. Karten für die Veranstaltung in der Bibliothek sind ab dem 11. März vor Ort erhältlich.

Vorlesen werden Wilfried Brickenkamp, Dr. Hans-Joachim Becker, Rainer Wulff und Konrad Fuchs.

Mit 17 Jahren in den Krieg

Wilfried Brickenkamp ist in der Sammlung vertreten. Darin erzählt er, wie er bei einer Ausbildung der Hitler-Jugend auf die Frage: „Zu welcher Waffengattung möchten Sie?“ spontan sagte: „Panzer!“ So bekam er am Tag nach seinem 17. Geburtstag, am 17. Oktober 1943, den Einberufungsbefehl.

Schon zuvor hatte der in Westfalen, in einem alten Haus im Teutoburger Wald aufgewachsene Jugendliche einiges vom Krieg erfahren. Cousins waren gefallen, britische Bomberstaffeln, die über dem Haus ihrem Zielgebiet entgegen flogen, gehörten zum Alltag. Und der Volksempfänger quäkte immer wieder vom „Endsieg“.

Als Bomber die Stadt Münster angreifen, erlebt der junge Mann hautnah mit, was Krieg bedeutet: „Männer, Frauen und Kinder irrten ziellos durchein- ander. Andere räumten mit bloßen Händen Schutt, Balken, Dachpfannen, Reste von Häusern und Möbeln beiseite. Die Feuerwehr versuchte, lodernde Brände und schwelende Nester zu löschen. Überall fehlten Arbeitsgeräte. So blieb unseren Soldaten nichts anderes übrig, als ihren Auftrag mit bloßen Händen anzugehen: unter den Trümmern nach Lebenden zu suchen. Es war das erste Mal, dass ich Tote sah.“

Einzug in Kiew

Wenig später zieht er selbst als Soldat in den Krieg, zuerst zur Ausbildung nach Dänemark, dann Richtung Polen, schließlich nach Galizien, bis seiner Kolonne schließlich entgegenschallt: „Ruki verch – Hände hoch!“ Den Weg der Kriegsgefangenen durch die Stadt Kiew schildert er folgendermaßen: „Wir kamen in eine große, total zerstörte Stadt. Überall Trümmerberge. Menschen standen auf den Resten ihrer ehemaligen Wohnhäuser. In der Luft lagen Friedhofsstille, Rauch und Verwesungsgestank. In dieser Stille schlurften wir über die Straßen. Tausend deutsche Kriegsgefangene, äußerlich dreckig, unrasiert und ungewaschen, innerlich seelisch und moralisch zerstört. Eine Welle des Hasses schlug uns entgegen. Steine, Tomaten, faule Eier und allerlei Unrat flogen auf uns zu, als wir die ehemalige Prachtstraße durchquerten. Für mich war das alles einfach unfassbar und nicht zu verstehen. Was war hier geschehen?“ Eine Frage, auf die er nun die Antwort weiß. Bei der Lesung werden er und seine Mitstreiter auch davon erzählen.

Informationen zum Buch

„Kinder des Krieges. Biografische Aufzeichnungen aus der Ukraine und Deutschland" erschien 2018 im Kiewer Phönix-Verlag. Es enthält Zeitzeugenberichte von 29 Frauen und Männern aus der Ukraine und Deutschland. Alle Texte sind in deutscher und russischer Sprache abgedruckt. Das Buch hat 352 Seiten und  ist erhältlich über die Landeszentrale für politische Bildung. Der Förderverein der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe hat beschlossen, dem Gardeleger Gymnasium einen Klassensatz des Buches zur Verfügung zu stellen.