Gardelegen l „Es ist ein überwältigender Ort“, sagt Agnieszka Urbanczyk aus Polen, „und es ist ein wichtiger Platz für alle.“ Liza Prokopova stimmt ihr zu. Für sie sei es zudem spannend zu erfahren, wie die verschiedenen Nationen auf diesen Teil der Geschichte schauen, sagt die Ukrainerin nachdenklich, „und vor allem auch die deutsche Sicht darauf kennenzulernen.“

Die beiden Frauen und mit ihnen 20 weitere junge Leute aus Polen, Russland, der Ukraine, Ungarn, der Türkei, Italien, Deutschland, Rumänien, Weißrussland und Lettland sind derzeit auf Einladung der Deutschen Kriegsgräberfürsorge in Sachsen-Anhalt zu Gast und besuchten zwei Tage lang auch die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe in Gardelegen. Was sich hier im April 1945 abspielte, hatten sie schon am Vortag erfahren. Gedenkstättenleiter Andreas Froese führte sie am Montag über die Anlage und kam anschließend auch mit den Jugendlichen ins Gespräch: „Und das war wirklich spannend“, betont der Historiker gestern. Denn die Besucher hatten die Gedenkstätte auch noch auf eigene Faust erkundet und dann den anderen jeweils ihre eigenen Eindrücke geschildert. „Jeder hat ja verschiedene Vorerfahrungen mit der Geschichte, und manches wirkt noch heute bis in die Familien hinein.“ Davon hätten die jungen Leute berichtet und „auch gute Fragen gestellt.“

Gestern nun packten die Campteilnehmer auch ganz praktisch mit an: Mit Eimer und Lappen ausgerüstet putzten sie die über 1000 weißen Grabkreuze. Keiner drückte sich, auch wenn die Temperaturen wohl eher ins Freibad einluden. Das fröhliche Geplapper verstummte.

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Nachdenkliche und unbeschwerte Momente

Ganz ernst wurden die jungen Leute angesichts der vielen Gräber, in jedem von ihnen ein Mensch – mancher sogar erst in ihrem Alter –, von denen zudem nur ganz wenige anhand der Häftlingsnummer identifiziert werden konnten. Deren Grabkreuze wischten sie nun gründlich sauber. Nähe macht nachdenklich.

Aber eben das sei ja auch der Sinn solcher Orte, findet Richard David Schütt aus Baden-Württemberg: „Ich denke, dass Gedenkstätten Gefühle auslösen sollten.“ Denn erst wenn Menschen etwas empfinden, würden sie auch darüber nachdenken. Die Arbeit gestern sah er zudem als selbstverständlich an: „Ich finde, wir müssten sogar noch viel mehr für den Frieden tun.“

Dazu hatten die jungen Leute beim Workcamp des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge auch wieder reichlich Gelegenheit. So beim Mitbauen am Peace-Monument Magdeburg oder bei einem Ausflug nach Berlin, berichtet Campleiterin Stephanie Roth. Aber auch viele unbeschwerte Momente erlebten die 22 Jugendlichen. Es wurde gekocht, und getanzt, „und wir hatten in unserer Nacht im Zichtauer Ferienpark am Montagabend einen herrlichen Ausblick in einen ganz tollen Sternenhimmel“, erzählt Roth. Als gute Gastgeber erwiesen sich dort auch in diesem Jahr wieder die Gardeleger Rotarier, die die jungen Leute zum Grillen eingeladen hatten.

Hans-Joachim Becker, Kreischef der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, traf die Gäste gestern auf dem städtischen Friedhof an den Soldatengräbern aus dem Ersten Weltkrieg. Und auch er freute sich über das Interesse der jungen Leute: Das sei schließlich auch das Ansinnen des Volksbundes, betonte Becker: „Die Menschen sollen sich besser kennenlernen, auch über die Gräber der Toten hinweg.“