Altmarkkreis l „Braucht es wirklich (noch) Friedhöfe? Kein Zeichen ist auch ein Zeichen!“ Den Artikel des Bundesverbandes Deutscher Steinmetze unter dieser Überschrift hat sich Firmenchef Stefan Seidler kürzlich besonders interessiert durchgelesen. Immer mehr Menschen lassen ihre Angehörigen auch in der Altmark anonym bestatten. Die Erinnerungskultur geht mehr und mehr verloren. Und genau das findet der Gardelegener Steinmetzmeister eigentlich schade.

Klar, schon berufsbedingt. Aber das ist auch seine ganz persönliche Meinung. So ganz ohne Grab fehle eben auch immer ein Ort, an den die Angehörigen kommen können, um zu trauern, sagt der Gardelegener. Das sei manchen, die sich für ein Grab unter der grünen Wiese entscheiden, zuweilen nicht ganz klar. Er habe auch schon erlebt, dass der Partner eines Verstorbenen nach einiger Zeit eine Umbettung veranlasst habe und sich doch für eine Grabstelle entschieden hat. Eine, auf der dann doch ein Stein mit Daten an den Verstorbenen erinnert.

Hauptsaison im Herbst

Steine sind Stefan Seidlers Tagesgeschäft. Derzeit geht in seinem Unternehmen die Hauptsaison gerade zu Ende. „Vor dem Totensonntag haben wir immer viel zu tun“, sagt er. Da hilft Seniorchef Jürgen Seidler schon mal mit aus. Denn die meisten Angehörigen setzen eben doch immer noch auf das klassische Grabmal mit Inschrift. Und das soll, nach einer Beerdigung, möglichst noch vor dem Totengedenktag aufs Grab, oder eben mal wieder aufgefrischt werden.

Form und Farbe der steinernen Erinnerungen hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten allerdings sehr verändert, sagt Jürgen Seidler. „Früher war es die schwarze Altmark“, heute sei es viel farbiger. Sogar einen Stein in Rosa könne man problemlos bestellen, bestätigt Stefan Seidler. Das Material kommt aus der ganzen Welt. Oft aus Indien.

Manche Angehörigen wollen gern ein Bild des Verstorbenen auf dem Stein haben. „Das wird dann aus Porzellan gefertigt“, erklärt Seidler junior. In der Altmark sei das allerdings nicht so üblich wie in anderen europäischen Ländern. Neben den Farben sind auch die Formen vielfältiger geworden. Manche Grabsteine sehen aus wie aufgeklappte Bücher. Herzförmige Steine gibt es oder Kombinationen aus Stein und Glas, und auch ganz besondere Formen, beispielsweise ein Fußball, sind möglich.

Namen und Daten

Und das meiste davon ist auch erlaubt. Allerdings nicht alles. Unter anderem darüber, wie groß ein Grabmal werden darf oder welche Ausmaße eine Grababdeckung hat, entscheidet nämlich auf kommunalen Friedhöfen wie in Gardelegen oder Salzwedel die Gemeinde. „Wir müssen den genauen Entwurf samt Schrift immer erst bei der Stadt einreichen“, betont Jürgen Seidler. Erst nach dem Okay der Verwaltung könne dann damit begonnen werden, die Steine zu bearbeiten und zu gravieren.

Apropos gravieren: Meist sind nur Namen und Daten gewünscht. Ab und an mal ein „in Liebe“. Sprüche wie „Ewig und unvergessen“ – einst auf vielen Steinen zu lesen – seien eher aus der Mode gekommen, sagt Jürgen Seidler. Und auch freche oder skurrile Sprüche, wie „Ich bin dann mal weg ...“? sind in der Altmark eher nicht zu lesen, bestätigt Stefan Seidler schmunzelnd auf Nachfrage. Aber doch, der Wunsch nach Individualität, so typisch für unsere Zeit, ist auch in der ländlichen Region angekommen.

Vor einiger Zeit haben Seidler senior und junior da eine berührende Geschichte erlebt: Ein Landwirt war gestorben und sein Grabstein sollte ein Findling werden, den er gemeinsam mit dem Sohn vor vielen Jahren vom eigenen Feld geholt hatte. Jahrzehnte hatte er auf dem Hof gelegen. Ein Riesenbrocken. Andere Firmen hatten den Aufrag abgelehnt. Seidlers hatten sich rangetraut, ihn einseitig angeschliffen und graviert und schließlich mit dem Kran gesetzt. Der Stein war so schwer, dass er nicht einmal verdübelt werden musste, wie sonst bei allen Steinen Standard, die das Gardeleger Unternehmen setzt. Aber der Aufwand habe sich gelohnt, versichert Stefan Seidler: „An dem Findling hängen für die Familie so viele Erinnerungen, und der Feldstein ist jetzt eine richtig schöne Verbindung zu seinem Grab.“ So solle es sein.

Übrigens: Dass es zwar für manche Menschen keinen Grabstein mehr gibt, dafür aber für Haustiere, auch das erleben die beiden Gardelegener Steinmetze immer häufiger. So mancher Stein für Bello oder Miezi auf dem örtlichen Tierfriedhof oder in heimischen Gärten der Altmark trägt ihre Handschrift. Die Welt ist zuweilen skurril. Auch nach dem Tod.