Erinnerungskultur

Gunter Demnig verlegt in Gardelegen die letzten fünf Stolpersteine

41 Stolpersteine erinnern in Gardelegen bereits an Opfer der Nationalsozialisten. Nun kommen noch einmal fünf von Künstler Gunter Demnig dazu. Wem sie gewidmet sind...

Von Elke Weisbach Aktualisiert: 12.05.2022, 10:35 • 12.05.2022, 07:37
Die vom Künstler gefertigten fünf Stolpersteine sind bereits in Gardelegen. Am 24. Mai kommt Gunter Demnig zur Verlegung in die Hansestadt.
Die vom Künstler gefertigten fünf Stolpersteine sind bereits in Gardelegen. Am 24. Mai kommt Gunter Demnig zur Verlegung in die Hansestadt. Foto: Elke Weisbach

Gardelegen - Ein Stein – ein Menschenleben – in der Hansestadt erinnern bereits 41 Stolpersteine an Schicksale der jüdischen Bewohner Gardelegens, die dem menschenfeindlichen Rassenwahn der Nazis zum Opfer gefallen sind. Sie waren einst ins städtische Leben integriert, bis sie ausgeschlossen, beschimpft und schließlich ermordet, in den Selbstmord oder aus dem Land getrieben wurden.

Menschen dürfen nicht vergessen werden

Ihre Namen dürfen nicht vergessen werden, sind sich auch die aktuellen Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft (AG) Stolpersteine des Gardelegener Gymnasiums, die sich 2013 unter der Leitung der Geschichtslehrerin Andrea Müller gründete, einig. Ende Mai kommen fünf weitere Stolpersteine dazu. Es werden die letzten sein, die der Künstler Gunter Demnig im Rahmen seines gleichnamigen Kunst-Projekts, das er 1996 deutschlandweit startete, in Gardelegen verlegen wird.

Am 28. April in diesem Jahr hat Demnig seinen 90.000. Stein in Penzberg verlegt, berichtete Karl-Heinz Reuschel, der die AG von Anfang an begleitet. Er ist der Schwiegersohn von Gisela Bunge, die vor Jahren die Dokumentation „Schicksale jüdischer Familien in Gardelegen“ verfasste, die auch Arbeitsgrundlage für die AG-Mitglieder war und ist.

Karl-Heinz Reuschel untertstüzt die Arbeitsgemeinschaft von Anfang an. Die Dokumentation seiner Schweigermutter Gisela Bunge „Schicksale jüdischer Familien in Gardelegen“ war auch Arbeitsgrundlage für die Gymnasiasten.
Karl-Heinz Reuschel untertstüzt die Arbeitsgemeinschaft von Anfang an. Die Dokumentation seiner Schweigermutter Gisela Bunge „Schicksale jüdischer Familien in Gardelegen“ war auch Arbeitsgrundlage für die Gymnasiasten.
Foto: Elke Weisbach

Zwischen 2014 und 2018 wurden während vier Veranstaltungen insgesamt 41 Steine an elf Adressen verlegt (siehe Info-Kasten). Die geplante Verlegung der fünf letzten Stolpersteine, die an die Familie Hess erinnern, im Jahr 2019 scheiterte an der Terminfindung, denn der Künstler verlegt die Stolpersteine immer persönlich. Dann kam Corona. Die Pandemie verhinderte die für November 2020 und November 2021 geplante Verlegung der fünf Stolpersteine, die mittlerweile bereits in Gardelegen angekommen sind.

Zur Verlegung ist jedermann willkommen

Nun aber soll es soweit sein. Am Dienstag, 24. Mai, kommt Gunter Demnig nach Gardelegen, um ab 16 Uhr vier Stolpersteine an der Bornemannstraße 6 für Richard Hess senior, seine Ehefrau Mathilde, geborene Schliecker, seinen Sohn Richard Hess junior sowie seine Schwester Josephine Hess ins Pflaster einzulassen. Ein Stolperstein wird an der Bahnhofstraße 33 für seinen Bruder Ernst Hess verlegt.

Der Vater von Richard Hess, Siegmund Hess, gründete in Gardelegen die Musikschule in der Bornemannstraße 6 mit Unterbringung der Musikschüler. Er war ein begnadeter Musiker und erhielt viel Anerkennung. Selbst der deutsche Kaiser Wilhelm I. ehrte ihn mit der „Silbernen Trompete“, welche er für seine besonderen Verdienste innerhalb der Blasmusik bekam, wie man der Dokumentation von Gisela Bunge entnehmen kann. Siegmund Hess verstarb 1912. Seine Frau Bertha folgte ihm sieben Jahre später. Beide sind auf dem Gardelegener Friedhof beigesetzt.

Daraufhin führte sein Sohn, Richard Hess sen., die Musikschule weiter. Im Jahr 1935 wurde über ihn jedoch ein Berufs- und Ausbildungsverbot vom Präsidenten der Reichsmusikkammer verhängt. Erst viele Jahre später wurde sein Vater Siegmund Hess für sein Wirken geehrt. Heute trägt der Förderverein der Kreismusikschule des Altmarkkreises Salzwedel seinen Namen.

Neue Aufgaben für die Arbeitsgemeinschaft

Zur Stolpersteinverlegung am 24. Mai ist jeder Interessent willkommen. Vor Ort wird es auch ein kleines Programm mit Liedern und Gedichten für den feierlichen Rahmen geben. Das wird derzeit vorbereitet. Zudem werden an diesem Tag die 15 Schüler der 12. Klasse, die die Bildungseinrichtung mit dem Abitur verlassen, den symbolischen Stolperstein an die nächstfolgende Generation weitergeben, teilte die AG-Vorsitzende Hanna Kunze mit.

Mit den derzeit zehn Neunt- und Zehntklässlern beginnt dann auch ein neues Kapitel, erklärte Geschichtslehrerin Nadja Müller, die die AG neben Andrea Müller mit betreut, denn mit der fünften Verlegung wird in Gardelegen an alle ehemaligen jüdischen Einwohner mit einem Stolperstein erinnert. Nun gilt es, sich eine neue Aufgabe zu suchen. Wie Nadja Müller sagte, habe es bereits eine Anfrage in Richtung Zwangsarbeit gegeben. Entschieden sei aber noch nichts. Zunächst werden die AG-Mitglieder die Arbeiten zum neuen Gedenkort an den Bombenangriff vom 15. April 1945 auf dem Postparkplatz begleiten.