Lindstedt l Bauarbeiten auf dem Lindstedter Gut. Die alte Sandsteintreppe soll restauriert werden. Doch als die Männer die schweren Platten abheben und wegtragen wollen, erleben sie eine Überraschung: Bilder sind auf der Rückseite zu sehen. Wappen. Inschriften. Namen, Zahlen, Daten, Sprüche. Jahrzehntelang haben die Besucher des Lindstedter Gutes sie buchstäblich mit Füßen getreten, doch jetzt liegen die großen, schweren Steintafeln auf dem Gutshof. Alle Restaurationsarbeit am Gut ruht. Die uralten Grabplatten aus dem 17. Jahrhundert sind wieder aufgetaucht. Ein archäologisches Wunder in Lindstedt.

„Wir haben immer vermutet, dass es sie gegeben hat“, sagt Uwe Frommhagen. Der Historiker weist auf vergleichbare Orte wie beispielsweise Kläden bei Stendal hin. Dort haben sich in der Kirche die Grabplatten der Adelsfamilie von Kläden erhalten. Dass es auch Grabplatten der Familie von Lindstedt gegeben haben musste, war den Mitgliedern des Vereins Historische Region Lindstedt wohl klar, die Frage war nur, wo diese steinernen Zeugnisse abgeblieben waren.

Nicht gut auf Adelsfamilie zu sprechen

Die Familie von Lindstedt ist seit dem Jahr 1329 im Ort ansässig und besaß das Gut und Teile des Dorfes. Im Jahr 1804 war die männliche Linie ausgestorben. Die letzte Tochter heiratete 1798 einen Mann mit dem Namen von Rhinow – ein Name, der nun auch auf den wiederentdeckten Grabplatten auftauchte.

Seit den 1880er Jahren hatten sich die Besitzer des Gutes zurückgezogen, und ein Verwalter saß vor Ort. „Dann kam es in bürgerliche Hände“, referiert Frommhagen. Ein Mann namens Schröder, sein Vorname ist unbekannt, erwarb das Gut. Man weiß, dass er aus Gardelegen stammte, und offensichtlich nicht gut auf die adligen Gutsherren zu sprechen war.

Makaberer Totentanz mit Leiche im Brautkleid

Der Mann war in der Gründerzeit vermögend geworden und zeigte den alten Herrschaften ziemlich klar, dass er nichts auf deren Familienalter und Privilegien gab. Ausgangspunkt war ein Streit um die alte Familiengruft, westlich der Kirche. Im Jahr 1910 war diese Familiengruft recht baufällig geworden, eine Sanierung war nötig. „Man wollte Schröder in die Haftung nehmen für die Finanzierung des Gruftumbaus. Aber er hat sich geweigert, die Kosten zu übernehmen, und die Gruft abtragen lassen.“ Allerdings, was der Historiker zurückhaltend als „abtragen“ bezeichnet, war in Wirklichkeit ein ziemlich wüstes Spektakel. Mitarbeiter aus dem Dorf ließen sich nicht finden. „Er hat Leute aus der Umgebung rekrutiert, die haben Alkohol bekommen, viel Schnaps.“

Wüste Szenen von Leichenfledderei spielten sich ab. „Meine Großmutter hat das alles damals mit angesehen und mir davon erzählt“, sagt Frommhagen. „Sie haben den Männern die Orden von der Brust gerissen. Da war auch eine junge Frau, die in ihrem Brautkleid begraben worden war, und die Leute haben mit der Leiche auf dem Gutshof getanzt. Die Reste der teilweise mumifizierten Leichen haben sie dann an der Ostseite der Kirche in einem Massengrab verschwinden lassen.“

Grabplatten als Baumaterial

Das dürfte der Zeitpunkt gewesen sein, als die alten Grabplatten als Baumaterial in der Gutstreppe landeten. Herr Schröder war ein praktisch denkender Mann.

Doch nun sind die Grabplatten wieder freigelegt und sind, obwohl manche in mehrere Teile zerbrochen sind, in erstaunlich gutem Zustand. Auf einem Grabstein ist der Name Hans von Lindstedt zu lesen. Der Mann ist in voller Rüstung abgebildet, trägt einen Radsporn am Stiefel, was ihn als Adligen ausweist, und ist laut Inschrift „entschlafen seines Alters 83“. Geboren wurde er wohl um 1540. Zu lesen sind noch die ersten drei Ziffern seines Todesjahres: 161... Der Stein – zwei Meter hoch und rund 90 Meter breit – wurde von den damaligen Treppenbauern in vier Teile zerlegt, der Bruch geht mitten durchs Gesicht des Mannes. Zu sehen ist das Lindstedter Wappen, auch drei Wolfsangeln sind eingeprägt.

Adlige Tote und eine verdienstvolle Pfarrersf

Eine Mutter namens Margarethe von Eichstädt hinterließ auf ihrem Stein die Inschrift „EIS NICHT WER ICH BIN“. Gefunden wurden auch Platten von Steinsarkophagen aus dem 13., vielleicht sogar aus dem 12. Jahrhundert.

Und ein besonders spektakulärer Fund: Die große Grabplatte einer Frau namens Gertrud Ulrich. Sie war im Dreißijährigen Krieg die Frau eines Pfarrers. Ungewöhnlich, dass eine bürgerliche Frau solch ein eigenständiges Denkmal erhielt. „Sie muss sich sehr verdient gemacht haben, dass ihr solch eine Grabplatte zuteil wurde“, sagt Frommhagen. Leider haben sich aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen erhalten. Es gibt noch viel zu erforschen