Gardelegen l „Handwerk hat goldenen Boden“, sagt ein Sprichwort, das auch heute noch seine Berechtigung hat. Denn es bedeutet, dass sich im Handwerk gutes Geld verdienen lässt. Stimmt, bestätigt Detlef Schumann von der gleichnamigen Haustechnik GmbH in Gardelegen: „Die Auftragsbücher sind bis zum nächsten Jahr voll.“ Allerdings werde es immer schwieriger, die Aufträge auch abarbeiten zu können, da die Mitarbeiter fehlen. Und das betreffe nicht nur ihn, sondern alle Handwerksunternehmen in der Region, von denen es zum Glück noch einige gebe.

Jedes Jahr weniger Leute

„Vor zwei Jahren waren wir noch zehn Leute, jetzt werden es jedes Jahr weniger“, berichtet Schumann im Volksstimme-Gespräch. Und die Altgesellen, die beispielsweise noch da sind, werden auch nicht jünger. Er arbeite zum Teil schon mit Leiharbeitern, aber das sei keine Lösung, die ihn befriedige. Es gehe auch nicht darum, zu expandieren, so Schumann. Er wolle nur die Mitarbeiter ersetzen, die kündigen oder in den wohlverdienten Ruhestand wechseln. Doch die Aussichten seien düster. Und das gelte nicht nur für bereits ausgebildete Handwerker wie Elektriker oder Installateure, sondern auch für Auszubildende.

Zwei hatte er in jüngster Zeit. Einer wolle bleiben und werde natürlich übernommen, der andere geht. Neue Interessenten haben sich noch nicht gemeldet. Deshalb wolle er nun noch einmal verstärkt an Schulen werben und lasse aus diesem Grund entsprechende Flyer drucken, erzählt Schumann. Doch die Suche nach Auszubildenden werde nicht einfacher, denn er habe festgestellt: „Es will niemand mehr mit der Hand arbeiten, mit der Hand etwas erarbeiten. Und wenn es dann woanders mehr Lehrlingsgeld gibt... Es ist ein Hamsterrad.“

Kündigungen statt Bewerbungen

Und das gelte nicht nur für die Auszubildenden. „Statt Bewerbungen bekommen wir Kündigungen, weil Großunternehmen ihre Mitarbeiter beim Eingang durch die Werkspforte mit Gold überschütten, was wir nicht im Kämmerlein haben“, macht Schumann seinem Ärger Luft. Der Mittelstand bleibe „voll auf der Strecke“. Dabei nehmen auch „wir viel Geld in die Hand, um unsere Mitarbeiter zu schulen und zu qualifizieren, um im Wettlauf mit der Zeit standzuhalten – und sie dann trotz übertariflicher Bezahlung an die Industrie zu verlieren“. Es sei ein Kampf gegen Windmühlen. Dabei solle aber jeder bedenken, dass auch in großen Produktionsstätten kaum gearbeitet werden könne, wenn die Heizung ausfalle oder das Wasser von der Decke tropfe – und es komme kein Handwerker um die Ecke, um den Schaden zu reparieren. Nach Meinung von Schumann „ist es eine Minute vor Zwölf mit der Hand am Hauptschalter, um dem Handwerk das Licht auszuknipsen“.

Die Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden, bestätigt auch Alf Nieder vom gleichnamigen Metallbaubetrieb in Kusey. Viele würden über die Grenze ins benachbarte Niedersachsen fahren, wobei viele, das weiß er aus vielen Gesprächen, im Handwerk glücklicher wären, weil das nicht so eine eintönige Arbeit sei.

Im Kuseyer Familienbetrieb sind acht Mitarbeiter beschäftigt, die gut zu tun haben, denn auch dort sind die Auftragsbücher voll. Wären es mehr, würde es allerdings um einiges schneller gehen, so Alf Nieder. So müssen die Kunden leider länger warten. Und die werden auch immer mehr, weil zahlreiche Handwerksbetriebe verschwinden, das es keine Nachfolger gebe.

Selbstständigkeit als Perspektive

Dabei wäre die Selbstständigkeit eine Perspektive, die vielen jungen Menschen gar nicht bewusst ist, erklärt dazu Norbert Nieder, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Altmark. Auch dadurch gestalte sich die Nachwuchsgewinnung in allen Gewerken als großes Problem, was nicht nur ein altmärkisches, sondern sogar ein globales Problem sei. „Die Bildungspolitik arbeitet nicht in Richtung Handwerk“, macht er deutlich. Die Gymnasien seien voll, die Sekundarschulen werden „entkernt“. Sie müssten, so Norbert Nieder, attraktiver gestaltet werden, denn es könne doch nicht jeder studieren. Trotzdem versuchen viele Eltern, ihre Kinder in diese Richtung zu schieben.

Dabei seien die Perspektiven für künftige Handwerker sehr gut, da mit dem Abschluss der Lehre die Aufstiegsmöglichkeiten ja nicht vorbei seien. Junge Leute könnten nach der Lehre die Meisterschule besuchen, was in einer Selbstständigkeit münden könne. Das müsse den Schülern und Eltern aber auch offeriert werden, wobei auch die Lehrer gefordert seien.

Werbung an Schulen

Die Handwerkerschaft selbst sei diesbezüglich auch sehr aktiv und immer wieder in den Schulen vor Ort, um zu werben. „Wir tun wirklich viel“, so Nieder. Unter anderem wurde die Kampagne entwickelt „Such dir einen Beruf, bevor es deine Eltern für dich tun“. Und die Handwerkerschaft hofft, dass sie fruchtet. Sonst, so Nieder, fällt „uns das irgendwann auf die Füße, und die Handwerksleistungen werden so teuer, dass sie für viele unbezahlbar werden. Sie werden zum Luxusgut.“