Mediensucht

Handysucht und Co.: Beratungsstelle Gardelegen hilft Betroffenen

Durch die Corona-Pandemie hat sich der Medienkonsum verstärkt. In exzessiver Form ist er sogar als Krankheit anerkannt. Die Awo-Suchtberatung in Gardelegen hilft.

Von Stefanie Brandt
Der Medienkonsum hat sich in der Corona-Pandemie teils erheblich verstärkt – bis hin zu einer krankhaften Nutzung.Foto: Fabian Sommer/dpa
Der Medienkonsum hat sich in der Corona-Pandemie teils erheblich verstärkt – bis hin zu einer krankhaften Nutzung.Foto: Fabian Sommer/dpa Fabian Sommer/dpa

Gardelegen - Wer hat es nicht schon selbst gesagt oder gehört? „Leg’ doch mal das Handy weg“, ist zu einem geflügelten Wort unserer Zeit geworden. Homeoffice, Homeschooling und danach die fehlenden, echten sozialen Kontakte durch sogenannte soziale Netzwerke ersetzen – das Internet und der Bildschirm, egal ob auf dem Handy, dem Laptop, Tablet oder PC, nehmen gerade in der Corona-Pandemie immer mehr Lebenszeit in Anspruch.

„Es ist eine Kommunikationsmöglichkeit in dieser Zeit, was ja auch gut ist, weil sich zum Beispiel die Kinder darüber austauschen können“, will Juliane Ensminger die Möglichkeiten der modernen Technik nicht verteufeln. „Kinder und Erwachsene müssen aber den gesunden Umgang damit lernen“, schränkt die Leiterin der Sucht- und Drogenberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Gardelegen jedoch ein. Tatsächlich ist der exzessive Medienkonsum ein Fall für ihre Einrichtung. In den neuen Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation, den ICD-11, wurde die Onlinespielsucht 2018 sogar als Krankheit aufgenommen.

Pausen sind wichtig

Dabei ist es mit der Online-Sucht kompliziert. „Das ist nicht wie bei Drogen, wo alle sagen, lass es, hör auf damit. Hier heißt es, nutze es, aber gönne dir Pausen“, erklärt Ensminger, denn das Internet wird ja für die Arbeit oder die Schule dringend benötigt.

Statt also eines kompletten Entzuges empfiehlt sie zum Beispiel, Medienregeln in der Familie aufzustellen, eine medienfreie Zeit festzulegen. Eine feste Regel kann zum Beispiel der Handy-Verzicht beim gemeinsamen Essen sein. „Da müssen sich dann aber auch die Eltern dran halten“, spricht die Familientherapeutin einen wichtigen Punkt an: die Vorbildfunktion der Eltern.

Kontrolle über die Nutzungsdauer

In jedem zweiten Haushalt in Deutschland wird die Zeit, in der die Kinder das Internet nutzen, durch die Eltern kontrolliert. Im Nutzungsverhalten gibt es Unterschiede. „Man hat bemerkt, dass Mädchen eher in sozialen Netzwerken unterwegs sind und das Handy für Kommunikation nutzen, während Jungen eher Zeit mit Internetspielen verbringen.“

Von Mediensucht spricht man, wenn eine Person nicht mehr selbst kontrollieren kann, in welchem Umfang sie die Medien nutzt. Obwohl sie sich also vornimmt, nicht mehr so häufig und so lange Apps oder Videospiele zu benutzen, gelingt ihr das nicht.

70-prozentige Nutzungszunahme

In einem Aufklärungsvideo des Bundesministeriums für Gesundheit erklärt zum Beispiel Daniela Ludwig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, dass festgestellt wurde, dass es in der Zeit des Lockdowns im Frühjahr 2020 bei Onlinespielen und Chatfunktionen eine 70-prozentige Zunahme der Nutzung durch Kinder und Jugendliche gab. 700?000 Kinder in Deutschland würden zu viel online spielen und am Handy sein.

Spiele und Apps sind so programmiert, dass sie schnelle Erfolge, Anerkennung, Belohnung bringen. Jeder Post, der geklickt oder geliked wird, vermittelt, „wir sind wichtig und toll und gehören dazu“, heißt es in dem Video weiter. Dadurch wird Dopamin, ein Botenstoff, der auch als Glückshormon bekannt ist, ausgeschüttet. Das treibt an, weiterzumachen – und macht letztlich abhängig.

Auf Ausgleich achten

Doch was kann man dagegen tun? „Eltern und Kinder müssen darauf achten, dass es genug Ausgleich zu den digitalen Medien und ein Familienleben gibt. Im Freundeskreis sollte nicht alles digital ablaufen. Erste Schritte im Internet sollten gemeinsam mit den Eltern erfolgen, und die Erziehungsberechtigten sollten individuell anhand der Fähigkeiten des Kindes entscheiden, wann das erste Smartphone angeschafft wird“, empfiehlt Ensminger.

Es gibt die Mediensucht, die Onlinesucht und die Internet Gaming Sucht. Da die Krankheit inzwischen anerkannt ist, könne die Awo bei der Beantragung einer stationären Therapie helfen. „Die Krankheit kann jeden betreffen“, so die Sozialpädagogin. Oftmals seien es Eltern, die sich Sorgen machten, dass die Kinder zu viel Zeit mit sozialen Medien, Internetspielen oder dem Handy verbringen. „Dann holen sie sich entweder allein Rat oder kommen mit ihren Kindern.“

Allerdings sei das Kind nicht immer tatsächlich gleich suchtgefährdet. In der Beratung wird dann eine Bestandsaufnahme gemacht und geschaut, ob es sich tatsächlich um eine Gefährdung handelt oder ob es sich zum Beispiel um unterschiedliche Vorstellungen von einem ungesunden Konsum handelt.

Internet - das neue Fernsehen?

„Das Fernsehen war für unsere Großeltern auch eine neue Sache und problematisch“, erinnert Ensminger an frühere Warnungen wie die vor viereckigen Augen. „Für die Kinder ist das Internet normal, sie kennen es von Anfang an, bei uns kam es dazu.“

Wer dennoch Sorge hat, dass er selbst oder ein Angehöriger zu exzessivem Medienkonsum neigt, kann sich an die Beratungsstelle der Awo wenden. Die Fachstelle für Suchtprävention hat Anfang des Jahres auch schon in Zusammenarbeit mit der Suchtberatung ein Online-Seminar angeboten.