Soldatenfriedhof Wiepke

Historisches vom Soldatenfriedhof: Heftige Schießerei am 14. April 1945 am Günthersberg bei Wiepke

Mit Freuden las Gerhard Netzel, dass der Wiepker Ortschaftsrat Verschönerungsmaßnahmen auf dem Soldatenfriedhof Günthersberg plant. Denn diesen hat der Hottendorfer über 40 Jahre lang privat gepflegt.

Von Elke Weisbach
Der Soldatenfriedhof Günthersberg bei Wiepke bedarf dringend einer  Sanierung, um die sich nun der Ortschaftsrat kümmern will. Auch soll dort künftig mit einem kurzen Abriss an die Ereignisse am 14. April 1945 erinnert werden.
Der Soldatenfriedhof Günthersberg bei Wiepke bedarf dringend einer Sanierung, um die sich nun der Ortschaftsrat kümmern will. Auch soll dort künftig mit einem kurzen Abriss an die Ereignisse am 14. April 1945 erinnert werden. Archivfoto: Stefanie Brandt

Wiepke/Hottendorf

„Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung“ – der Spruch auf dem Stein, der das Zentrum des Friedhofes Günthersberg an der B?71 bei Wiepke bildet, ist wie die Namen der dort im April 1945 gefallenen 16 deutschen Soldaten kaum mehr lesbar. Auch die Außenumrandung des Friedhofes sowie die Grabeinfassungen sind kaputt und unansehnlich.

Das alles bedauert Gerhard Netzel aus Hottendorf, denn er hat über 40 Jahre lang diesen Friedhof gepflegt, wie er bei seinem Besuch in der Volksstimme-Redaktion erzählte. Ein Bericht im Gardelegener Kreisanzeiger hatte ihn dazu veranlasst. Dieser lässt ihn hoffen, dass der Friedhof bald wieder ein würdiges Aussehen erhält. So wurde es während der jüngsten Sitzung des Wiepker Ortschaftsrates besprochen (Volksstimme berichtete). Nach den Verschönerungsmaßnahmen soll dort ein großer Feldstein installiert werden, auf dem ein kleiner Abriss der Geschehnisse, die sich 1945 an dieser Stelle ereigneten, zu lesen sein soll. Der Wiepker Lothar Könecke habe darüber eine genaue Auflistung von seinem Vater Wilhelm, hieß es während der Sitzung. Und um die Erinnerung an die damaligen Ereignisse geht es auch Gerhard Netzel.

Gedenkstein für die gefallenen deutschen Soldaten

Wie der 82-Jährige erzählt, sei er als Kind von Gardelegen aus viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Dabei seien ihm die Grabstellen bei Wiepke zum ersten Mal aufgefallen. Nach seinem Wehrdienst 1966 habe er dann begonnen, sich um den Friedhof auf dem Günthersberg zu kümmern, der bis dahin von einer Wiepkerin gepflegt worden sei. Dass die Soldaten dort ihre letzte Ruhestätte fanden, war dem Bemühen von Wilhelm Könecke zu verdanken. Der damalige Gemeindepfarrer Bernhard Sültmann aus Estedt sorgte Mitte der 1950er Jahre dafür, dass ein Gedenkstein für die 16 Soldaten errichtet wurde. Und ihm, so Netzel, sei es ein Bedürfnis gewesen, ihre Gräber in Ordnung zu halten und zu bepflanzen, auch wenn die deutschen Soldaten damals als Kriegsverbrecher bezeichnet worden seien. Aber es waren auch Söhne und Väter, die fern der Heimat ihr Leben ließen.

Am Volkstrauertag legte er in all den Jahren mit seinen Mitstreitern vom Sozialverband Deutschland (früher Reichsbund) auch immer einen Kranz nieder. Bis zum Jahr 2008 kümmerte sich Netzel um den Friedhof, obwohl er damals schon lange in Hottendorf wohnte.

Zeitzeugenbericht

Über die Ereignisse am 14. April 1945 am Wiepker Günthersberg hatte er nun einen Bericht mitgebracht, den Otto Wernicke im Jahr 2014, basierend auf den Erinnerungen von Wilhelm Könecke, verfasst hatte. Dieser hatte einen Zeitzeugenbericht hinterlassen: „Gegen 10 Uhr leerte sich die Straße auffällig. Die Amerikaner sammelten sich am oberen Straßenende, bald darauf beobachtete ich,?... wie sie in Schützenlinie zu jeder Seite der Reichsstraße 71 vorgingen. Ich erkannte vier Panzer, die gleichfalls beiderseits der Chaussee über den Acker rollten. Jetzt warfen sich die Infanteristen zu Boden, eine heftige Schießerei nahm ihren Anfang. Einzelne Gewehrgeschosse klatschten gegen die Gebäude oder pfiffen über uns hinweg?... Einzelne mot. Fahrzeuge rasten durch das Dorf. Am unteren Ende hielt ein kleiner Flitzer mit einem aufgebauten Maschinengewehr. Das schoss pausenlos nach dem „Bindfeld“ und dem Estedter Busch hinüber. Die beiden Weideschuppen auf Buchholz’ und Webers Buchte wurden buchstäblich zersägt und zerschnitten?... In diesem Geknatter mischten sich bald gurgelnde Geräusche und Abschüsse schwerer Geschütze, die an der Zichtauer Chaussee bei Rothekrug standen. So dauerte das Gefecht wohl mehrere Stunden?... Nach einer gewissen Zeit stieg ich auf unseren obersten Hausboden, um mir einen Überblick zu verschaffen. Die vier Panzer hielten neben dem Günthersberg und schossen aus ihren Kanonen nach Estedt hinüber. Auf Schmidts oberem Feldweg und auf der Chaussee sah ich kleinere Trupps deutscher Soldaten, die mit erhobenen Händen angelaufen kamen. Über Estedt standen einige große Rauchschwaden?...“

Nur Tote auf dem Gefechtsfeld

Einen Tag später machte sich Wilhelm Könecke mit seiner Frau auf den Weg nach Estedt, um nach Verwandten zu sehen. Dort war alles in Ordnung. In Estedt selbst waren einige Scheunen abgebrannt. Viele Gebäude zeigten Einschlagstellen von Infanteriegeschossen. Vom Kirchturm hatte eine Panzergranate ein Stück Mauerwerk herausgesprengt. Auf dem Weg zurück nach Wiepke entdeckten sie zwischen dem Günthersberg und dem Bahnübergang tote deutsche Soldaten in ihren Stellungslöchern.

In Wiepke stellte Könecke einen Trupp zusammen, um nach Verwundeten zu suchen und sie zu versorgen. Die aber hatten die Amerikaner „unterschiedslos mitgenommen“. So bargen sie auf dem Gefechtsfeld die Toten, identifizierten sie, „nahmen ihnen die persönlichen Sachen ab und legten sie zu viert in ausgehobene Gruben auf dem Günthersberg“. Später kamen noch zwei weitere dazu. Könecke fertigte ein genaues Protokoll an, wo wer mit welchen tödlichen Verletzungen gefunden wurde.