Ipse l Unglaublich, dass jemand mit einem Geigenbogen die kleine Ipser Dorfkirche so zum Kochen bringen kann. „Balkanklänge“ hatte der Verein Ipse excitare angekündigt. Doch statt des Balkans zogen mit Geiger Alexey Kochetkov und Jazz-Gitarrist Tal Arditi das pralle Leben und die überschäumende Musik der ganzen Welt in Ipse ein.

Ein Duo, wie man es nur selten erlebt. Alexey Kochetkov, 34 Jahre alt und aus Russland stammend: ein Maniac an der Violine. Der Bogen schwirrt schneller, als das Auge folgen kann, dazwischen wird gezupft, getrommelt, der Mann springt und stampft mit dem Fuß auf und reißt das Publikum mit in einem Wirbel aus Weltmusik. Ein Wunder, dass die Saiten nicht unter dem Bogen verglühen. Daneben Tal Arditi aus Israel, 20 Jahre alt und äußerlich die Ruhe selbst, nur die Finger fliegen über die Saiten, und er hat seinen Kollegen jederzeit gut im Blick. „Ein Gegengewicht“, sagt er lächelnd auf die Frage, wie er so gelassen bleiben kann, wenn das Geigeninferno neben ihm loslegt. Und so war denn auch sein Gitarrensolo der ruhende Pol im Konzert in der Ipser Kirche. Ein Moment des Atemholens.

Keine Balkanklänge, sondern Weltmusik, das hatte Kochetkov bereits zu Beginn als Parole ausgegeben. Folksongs und irische Lieder, arabische und türkische Weisen, im zweiten Teil ein „Jüdisches Potpourri“ aus Klezmermusik und dann tatsächlich auch ein „Balkan-Potpourri“.

Von der Longa bis zum Sirtaki

Zum Auftakt erklang eine „Longa“, ein traditionelles Festlied aus der Türkei, gefolgt von dem Lied „Babaja“ aus Mazedonien und dem „Abend der Rosen“ aus dem nahen Osten, so die geografische Einordnung des Violinisten. Ebenfalls aus der Türkei stammte der darauf folgende Titel „Mesk“, und aus Albanien das Lied „Erwin“. Im zweiten Teil spielten die beiden das jüdische „Ba Lashchuma Bahur Hadash“ und „Juju“, eine Eigenkomposition des Violinisten.

Mit dem Sirtaki aus dem Film „Alexis Sorbas“ forderte Kochetkov das Publikum auf: „Tanzt und brecht die Teller – ach nein, die werden noch gebraucht für das schöne Gulasch.“ Der Verein Ipse excitare hatte nämlich in der Pause äußerst wohlschmeckendes Kesselgulasch aufgetischt – auf neuen, von der Volksbank gesponserten Tellern. Die Verpflegung lobte der Geiger immer wieder in den höchsten Tönen.

Das Publikum klatschte, trampelte, pfiff und jauchzte begeistert mit. Mit Standing Ovations und nachhaltigem Applaus erklatschten sich die Ipser schließlich noch zwei Zugaben. Ein ruhiges und – falls gewünscht – noch ein etwas unruhigeres Stück habe man noch in der Hinterhand, verriet Kochetkov.

Nach dem unruhigen Stück schließlich sah sich Tilo Motschall vom Verein Ipse excitare gezwungen, zum Aufbruch zu mahnen. Der vorletzte Zug sei gerade abgefahren, sagte er. Und das Duo müsse ja noch nach Berlin zurück. Ein Wiedersehen und Wiederhören könnte es durchaus geben, so die einhellige Meinung von Künstlern und Publikum. Ob in Ipse oder beim nächsten Auftritt in Berlin? Berlin sei ja gar nicht so weit weg, lud Kochetkov ein. Und wem das Warten auf ein neues Konzert zu lange dauert, der kann sich mit der CD „Klezmer aus Berlin“, die der Geiger mit zwei anderen Kollegen aufgenommen hat, die Zeit vertreiben.