Gardelegen l Es war schon eine ungewöhnliche Situation am Mittwochabend im Rathaussaal. Tische fehlten ganz. Die Stühle waren entsprechend der Abstandsregelungen in Zeiten von Corona aufgestellt. Auf den Stühlen lagen Zettel, die die Stadträte auszufüllen hatten mit persönlichen Angaben, für den Fall, dass einer erkrankt ist, um die Kontaktaufnahme zu den anderen Räten zu erleichtern. „Das ist wirklich eine außergewöhnliche Lage“, räumte denn auch Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher ein. Aber das Thema sei von großer Bedeutung, so dass man sich entschieden habe, eine außerordentliche Sitzung einzuberufen.

Bauamtsleiter per Video mit dabei

Stadt-Bauamtsleiter Ottmar Wiesel war per Video-Chat aus dem Homeoffice dazugeschaltet. „In den letzten Tagen hat immer nur die Bundeskanzlerin Videobotschaften verschickt“, so Wiesel. Er sei sehr stolz, dass auch er auf diese Weise zum Stadtrat sprechen kann. Der Stadtrat quittierte das mit fröhlichen Kommentaren. Für den Neubau einer Kita in Solpke hatte die Stadt Fördergeld aus dem Stark-III-Programm beantragt. Das Land allerdings hatte den Antrag aus Gardelegen abgelehnt, weil die Mittel für die Mehrzahl der eingereichten Projekte nicht ausreichten.

Allerdings sei aufgrund des baulichen Zustandes und der Platzverhältnisse in der Solpker Kita dringender Handlungsbedarf gegeben. Die Stadt wird nun mit eigenen Mitteln bauen. Die Kosten werden auf etwa drei Millionen Euro geschätzt. Gebaut wird jedoch nicht auf herkömmliche Weise unter der Regie des Bauamtes. Ein Bauunternehmen wird das gesamte Projekt realisieren. Diese Firma, erläuterte Wiesel, wird auch die Planung übernehmen.

Novum für die Stadt

„Wir versprechen uns eine Kostenreduzierung und Termintreue. Wir müssen dann auch nur mit einem Partner verhandeln“, erläuterte Wiesel. Sonst seien bei solchen Großprojekten allein 30 bis 45 Baufirmen und dazu noch die Ingenieurbüros mit im Boot. „Die Verhandlungen gestalten sich ohne Projektmanager schon manchmal schwierig. Und das würde mit diesem Verfahren alles entfallen“, so Wiesel.

Damit die Rechtssicherheit gewährleistet werden könne, will die Stadt eine Magdeburger Wirtschaftskanzlei dazu holen. Für Gardelegen sei dieser Weg zwar ganz neu. Die Kanzlei aber habe schon mehrere Projekte in Magdeburg betreut. 18 Kitas und 20 Schulen seien dort im Rahmen von Totalunternehmerverträgen schon gebaut worden. Bestandteil des Vertrages seien auch die Baukosten, die damit im Vorfeld festgesetzt sind. Sämtliche Risiken, wie mögliche Mehrkosten, Materialprobleme oder auch Fehler beim Bau, würde das Generalunternehmen tragen. Die Stadt zahle also nur den festgesetzten Preis.

Baubeginn soll 2021 sein

Wie denn das Großprojekt finanziert werden soll, wollte Linke-Stadtrat Frank Roßband wissen (Diskussion s. untenstehenden Beitrag). Vielleicht könne man den Preis drücken oder noch anderweitig Fördergeld akquirieren. Auf die Entwicklung der Fördergeldsituation werde die „Stadt schon ein Auge haben“, so Schumacher. Aber mit Blick auf die Corona-Krise sei es eher unwahrscheinlich, dass es in nächster Zeit Fördermittel gebe. „Es wird keine Fördermittel geben“, stellte Stadt-Kämmerer Maik Machalz klar. Die Stadt brauche Eigenmittel. Positiv sei, dass man in den vergangenen Jahren konsequent Kredite getilgt, Umschuldungen getätigt und das Entschuldungsprogramm des Landes genutzt und keine neuen Kredite aufgenommen habe. Die Tilgungsraten würden in den nächsten Jahren immer weniger. „Wir könnten uns also einen neuen Kredit leisten“, betonte Machalz.

Der Stadtrat bestätigte mehrheitlich die Verfahrensweise mit dem Totalunternehmervertrag. Als nächstes wird die Verwaltung gemeinsam mit der Solpker Kita die konkreten Bedarfe festlegen. Danach wird eine Aufgabenbeschreibung erstellt und das Ganze ausgeschrieben. Mit dem Eingang und Prüfung der Angebote werden sich die Fachausschüsse des Stadtrates und der Stadtrat insgesamt erneut mit der Problematik befassen. Baubeginn soll 2021 sein.