Estedt l „Toll, es ist abgesperrt“, erzählte Martin Otto Beier. Der Dreijährige war begeistert. Er konnte einmal machen, was er an anderen Tagen niemals tun dürfte, weil es viel zu gefährlich wäre. Mit Kreide malte er Bilder auf die Fahrbahn der durch Estedt führenden Bundesstraße (B) 71. Und nicht nur Martin Otto nutzte am Mittwoch die autofreie halbe Stunde im Ort. Viele Kinder und Erwachsene taten es ihm gleich. Lisa Heinze (11) und Leni Nürnberger (12) probierten ein Pennyboard aus. Auf dem glatten Asphalt der Straße rollte es richtig gut. Auf Inlinern waren Andreas Mrukwa und sein Sohn Yannis Kuhrt (4) unterwegs. Auch sie eroberten für die kurze Zeit die Fahrbahn. „Das ist super“, sagte Yannis und rollte sofort weiter.

Beim vorigen Mal noch krabbelnd, diesmal auf eigen Beinen waren Ludwig Zumpe und Henning Schulze beim Tag gegen den Lärm dabei. In wenige Wochen werden sie zwei Jahre alt. Mit Kinderschubkarre und Spielzeugtraktor spielten sie auf der Bundesstraße. Und wer bei soviel Aktion Hunger oder Durst bekam, erhielt von Ilona Glaue oder Sabine Vehlhaber eine Stärkung.

Volleyballspiel auf der Fahrbahn

Kaffeetassen, Tisch, frisch gebackenen Kuchen und aufgebrühten Kaffee hatten Harry und Ina Wenzel, Lothar und Petra Riedel, Klaus und Ursula Ahlborn sowie Eberhard und Anneli Benkendorf dabei. Auf der Verkehrsinsel deckten sie den Tisch und genossen den Kaffee und die Stille. „Schön, dass man sich einmal in Ruhe unterhalten kann“, sagte Harry Wenzel. Den Nachbarn von gegenüber über die Straße hinweg etwas zu berichten, das sei an anderen Tagen gar nicht möglich.

Die Mitglieder der Frauensportgruppe Estedt machten aus der Bundesstraße sogar ein Volleyballspielfeld und lieferten sich ein Match.

8500 Fahrzeuge pro Tag

Nach einer halben Stunde war die autofreie Zone in Estedt wieder aufgehoben,. Der Verkehr rollte wieder. „Wir haben extra die Uhrzeit 18.30 Uhr gewählt. Dann sind die meisten Lkw durch. Wir wissen vom Zeitdruck der Lkw-Fahrer. Diese Aktion ist keine Aktion gegen Lkw“, erklärte Margot Göbel, Organisatorin der Protestaktion Tag gegen den Lärm. Vielmehr möchten die Anwohner mit dieser Aktion erreichen, dass eine Ortsumgehung geschaffen werde, um das Dorf vom Durchgangsverkehr zu entlasten. 8500 Fahrzeuge, darunter 1700 Lkw, rollen pro Tag durch Estedt, wie Göbel auf die jüngste manuelle Verkehrszählung verwies. Vor allem rolle auch der Transitverkehr von und nach Hamburg durch das Altmarkdorf. Darauf und auf die Notwendigkeit einer Ortsumgehung wollten die Estedter mit ihrer Aktion aufmerksam machen.

Paul Berlin, Ortsbürgermeister im benachbarten Berge, lobte die Aktion. Denn das Engagement der Menschen vor Ort komme auch den Anwohnern der benachbarten Orte an der B 71 zugute.