Gardelegen/Hemstedt l 30 Jahre ist er mittlerweile im Polizeidienst, aber so etwas, wie am Mittwoch bei Hemstedt, hat auch Joachim Albrecht, Sprecher der Polizeiinspektion Stendal, noch nicht erlebt. Die Ermittlungen zum Amok-Fahrer stehen zwar noch ganz am Anfang, aber erste Details sind mittlerweile bekannt.

Seine Tour beginnt am späten Nachmittag in Berge mit einem Bagatelleunfall. Der Amokfahrer, 43 Jahre alt, „drischt“ dort einen Pkw Mercedes, wie es Albrecht formuliert. Der Mann steigt aus, hat eine Metallkette in der Hand und schlägt auf den Mercedes ein. Unter anderem wird die Frontscheibe total beschädigt.

Im Auto sitzt eine Familie mit zwei Kindern, sechs und neun Jahre alt. Die Familie stammt aus dem Raum Brandenburg und ist auf der Durchreise. Nach dem Überfall sitzt der Schock tief. „Wir haben Hilfe über unser Kriseninterventionsteam angeboten“, sagt Albrecht. Aber die Familie will offenbar nur schnell nach Hause, nimmt aber dort die Hilfe eines Kriseninterventionsteams in Anspruch. „Warum das in Berge so gelaufen ist, wissen wir noch nicht“, so Albrecht.

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Von Berge nimmt der Mann seinen Weg vermutlich über ländliche Wege nach Lüffingen. Zeugenberichten zufolge rast er durch den kleinen Ort, nimmt fast eine ältere Dame mit, die vor ihrem Haus die Straße fegt. Weiter geht es nach Hemstedt. In und bei Hemstedt rammt er mehrere Fahrzeuge, versucht, sie von der Straße zu drängen. Wieder fährt er über Feld- und Waldwege, kurvt über die sogenannte Umgehungsstraße von Hemstedt, die hinter der Bebauung ums Dorf führt. Poller blockieren die Weiterfahrt. Er fährt erneut über den Acker.

Die Polizei ist alarmiert. Ein Polizeihundeführer nimmt die Verfolgung auf. Ein weiteres Polizeifahrzeug kommt aus Richtung Trüstedt, schneidet ihm den Weg ab. Auf einer Ackerfläche wird der Mann gestellt. Zuvor rammt er noch einmal einen Funkwagen, schließt sich dann in seinem schwarzen 3er BMW mit Lörracher Kennzeichen ein. Beim Versuch, den Mann aus dem Fahrzeug zu holen, löst sich ein Schuss aus der Dienstwaffe eines Polizeibeamten. Der Amokfahrer wird im Oberkörper verletzt. Er wird mit einem Rettungshubschrauber in eine Magdeburger Klinik geflogen.

Sein Zustand ist gestern noch kritisch, sagt Albrecht. Er kann noch nicht vernommen werden. Der 43-Jährige stammt aus Baden-Württemberg, und er ist polizeilich einschlägig bekannt, unter anderem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

Man habe erst gedacht, dass psychische Probleme eine Rolle spielen, aber das sei wohl eher nicht der Fall. Es sei bisher auch nicht bekannt, ob er hier eine Adresse habe, oder ob er auf Besuch bei Freunden, Bekannten oder Familienangehörigen sei.

Im Einsatz sind am Mittwoch gut 20 Polizeibeamte, darunter auch Ermittler einer sogenannten Tatortgruppe der Polizeiinspektion (PI) Magdeburg. Denn der Schuss aus der Dienstwaffe ist Gegenstand eines weiteren Ermittlungsverfahrens der Polizei. Aber auch diese Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang, informiert PI-Sprecherin Ilona Wessner gestern auf Volksstimme-Anfrage. Es gebe von daher noch keine Erkenntnisse zum Hergang. Der Polizist und seine Dienstkollegen seien noch nicht vernommen worden. Die kriminaltechnische Auswertung stünde noch aus. Das Verfahren werde auch noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

„Man kann sich das so vorstellen wie im Film. Die gesamte Situation wird vor Ort auch noch einmal nachgestellt, um unter anderem zu klären, wer wo gestanden hat, wo genau die Waffe war“, erläutert Wessner.Der Polizeibeamte, aus dessen Waffe sich der Schuss gelöst hat, ist weiterhin im Dienst, bestätigt die PI-Sprecherin.

Wie zu erfahren war, soll der 43-Jährige im Juni 2019 in Steglitz (bei Burg) schon einmal auffällig geworden sein. Er soll dort einen Mann mit einem Messer bedroht und mehrere Autos mit dem Messer beschädigt haben. Bei der Festnahme wurde ein Beamter leicht am Arm verletzt. Das brachte ihm damals schon mehrere Strafverfahren ein.