Gardelegen l Richtig fröhlich ist er. Das fällt sofort auf. Dabei hat er einen sehr würdevollen Beruf. Und den nimmt er auch sehr ernst. Aber trotzdem hat Torsten Heinrich so ein besonderes Lächeln in den Augenwinkeln, als er da vor seiner „Gemeinde“ steht. Die besteht an diesem Sonntag hauptsächlich aus Gardelegern –, evangelischen, katholischen oder konfessionslosen – und aus den Leuten vom Rummel. Der macht nämlich gerade in Gardelegen Station. Es ist der letzte Tag. Morgen wird abgebaut. Bevor das Tagesgeschäft losgeht, wird hier heute aber erst noch einmal gebetet. Und das direkt auf der Fahrbahn des Autoscooters.

Ein paar Gottesdienstbesucher sitzen sogar in den kleinen Wagen, ein paar auf Bänken dahinter. Und Torsten Heinrich begrüßt sie alle mit eben jenem fröhlichen und ungezwungenen Lachen: „Ich schlage vor, wir fangen schnell an“, sagt er augenzwinkernd, „ein Kind hat mich eben nämlich schon gefragt, wann es hier endlich Autoscooter fahren kann ...“ Dann spielt Heinrich auf der Gitarre die Anfangsakkorde des ersten Liedes an, das auf dem Liederzettel steht: „Heute hier, morgen dort“, singt er mit der Gemeinde. Und auch wenn das eigentlich kein Kirchenlied ist, passt das prima. Denn die Schausteller sind schließlich auch heute hier, morgen dort. Genau wie er selbst.

Jedes Jahr ein neues Auto

Torsten Heinrich ist nämlich der „oberste“ Schaustellerseelsorger Deutschlands, wenn man so will. Zu seinem Team gehören 13, bald 14 Kollegen der Circus- und Schaustellerseelsorge der EKD im ganzen Bundesgebiet. Er hat die Gesamtleitung. Bei ihm ist alles ein bisschen mehr: Er verschleißt zum Beispiel jedes Jahr ein neues Leasing-Dienstfahrzeug.  Seine Gemeinde besteht aus beeindruckenden 23.000 Gemeindegliedern. Und manchmal ist seine Kirche höher, als der Kölner Dom. Denn Torsten Heinrich ist der einzige Vollzeit-Schaustellerseelsorger der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Und er hat auch den größten „Kirchenkreis“. Denn er reist dorthin, wo man ihn haben möchte. An rund 200 Tagen im Jahr.

Und haben möchten ihn viele. Die Terminanfragen kommen ganz unkompliziert telefonisch, per SMS, per E-Mail oder Whatsapp. Meist ist ein ganz normaler Sonntagsgottesdienst zu feiern, so wie der in Gardelegen auf dem Autoscooter. Heinrich übernimmt aber natürlich auch alle anderen Aufgaben, die ein Pfarrer so hat in seiner Schaustellergemeinde. Da wollen zwei junge Puppenspieler heiraten, dort wird ein Kind getauft im Zirkuszelt, hier ein Fahrgeschäft eingeweiht. Er habe auch schon im Talar auf einem Kettenkarussell gesessen, erinnert sich Heinrich. Da flattern die Rockschöße schon recht hoch.

Aber es ist eben alles ein bisschen anders, wenn er gerufen wird. „Da wird aus einer einfachen Taufe auf einer alten historischen Raupenbahn auch schon mal eine Riesenfeier mit hunderten Gästen. Und eine Hochzeit kann schon mal drei Tage dauern.“ Schausteller arbeiten hart, manchmal wochenlang am Stück. Wenn sie feiern, dann aber richtig, manchmal sogar mehrere Ereignisse in einem Rutsch, wenn der Herr Pfarrer nun schon mal vor Ort ist... Sie sind eben auch ein besonderes Völkchen, die Leute vom Rummel, vom Zirkus, von Marktbuden oder Puppenbühnen.

Menschen brauchen Wurzeln

Dass sie außerdem überdurchschnittlich religiös sind, gemessen am Durchschnitt der Deutschen, hat ihn damals wohl selbst ein bisschen überrascht, vor dreieinhalb Jahren, als er nach jahrzehntelanger Arbeit als Gemeindepfarrer in Sachsen auf eigenen Wunsch die Stelle als Koordinator der Schaustellerseelsorge übernimmt. Doch verwundert ist der gebürtige Sachse darüber eigentlich nicht: „Menschen brauchen Wurzeln“, sagt er, „auch und vor allem weil sie ständig unterwegs sind.“

Deshalb stehen ja auf dem gestickten Wappen, das immer vor Torsten Heinrichs Altar hängt (der übrigens auch schon mal aus einem Klapptisch bestehen kann), auch die Worte: „Die Welt ist unser Feld“, der Spruch der fahrenden Leute, und darunter: „Ich bin bei Euch, alle Tage.“ Gott, so sagt Torsten Heinrich, „ist ja schließlich auch nicht irgendwo verortet.“ Eine alte Riesenradbetreiberin habe es mal auf ganz unverwechselbare Art ausgedrückt, erinnert sich Torsten Heinrich schmunzelnd. „Sie hat gesagt: Wissen Sie, wenn Gott der Herr nicht die Hand über uns halten würde, wären wir sowieso am Arsch...“

Und so passt auch er halt ein bisschen mit auf, dass Gott der Herr präsent bleibt, inmitten der bunten Buden und inmitten des Trubels, der auf den Märkten und Festplätzen Deutschlands herrscht. Und mittlerweile sei diese lebendige, quirlige Gemeinde ihm auch persönlich ans Herz gewachsen, sagt er. Deshalb hat er gerade den Antrag gestellt, dass seine Amtszeit noch einmal um weitere vier Jahre verlängert wird.

Routine kommt nie auf

Was ihm an seiner Arbeit besonders gefällt? Dass man nicht in Routine versinkt, sagt Heinrich, und die Begegnungen mit immer neuen Menschen, – auch, weil die sich wiederum immer freuen, ihn zu sehen. Und ein kleines bisschen ist er eben auch Kind geblieben, der Herr Pfarrer: „Autoscooter fahre ich natürlich auch gern“, gibt er zu. Und die Achterbahn mag er, und Schießbuden, „die, wo man mit Pfeil und Boden zielt!“ Klar, sowas ist auch mal drin, bei so einer „Gemeinde“. Ab und zu begleitet ihn dabei sogar seine Frau. Kleines Schmankerl: Die ist auch Pfarrerin und hat im vorigen Jahr auf der Wittenberger Weltausstellung Ja zu ihm gesagt: In einer Gondel im Riesenrad. Schon deshalb hat sie viel Verständnis, dass er oft weg ist – rund 60 000 Kilometer im Jahr sind es. „Heute hier, morgen dort“.

Am Donnerstag zum Beispiel feiert Heinrich mit tausenden Gläubigen den Festgottesdienst auf der Münchner Wies‘n. Eine Oktoberfest-Maß auf Spesenkosten ist auf dem größten Volksfest der Welt dennoch nicht drin: „Ich muss danach sofort weiter nach Fürth“, erzählt er im Gespräch mit der Volksstimme. Aber dort, nach dem Schaustellergottesdienst am Abend auf der Michaeliskirchweih‘, werde er dann ein kühles Bierchen trinken ...