Stendal l Die Öffentlichkeit ist am dritten Prozesstag gegen den 60-jährigen Angeklagten weitgehend ausgeschlossen. Eine gute Stunde erläutert eine Gutachterin ihre Einschätzung der Persönlichkeit des Angeklagten. Der hatte sich vor geraumer Zeit über einen Zeitraum von mehreren Wochen in einem Internetchat auf einschlägigen Seiten als junge Frau ausgegeben, die gewalttätige Sexpartner sucht. Schließlich hatte er zwei Männern die Adresse der Ex-Geliebten gegeben, inklusive genauer Anweisungen für das vermeintlich einvernehmliche sexuelle Rollenspiel einer Vergewaltigung. Beiden Männern, die die junge, völlig ahnungslose Frau tatsächlich in ihrer Wohnung aufsuchten, kam die Sache jedoch komisch vor, so dass es nicht zur im Chat vereinbarten Vergewaltigung kam. Auch am zweiten Prozesstag war bereits teilweise nichtöffentlich verhandelt worden. Vernommen wurde in der vergangenen Woche offenbar auch das Opfer.

Und darauf geht Heidrun Ahlfeld als Vertreterin der Nebenklage am dritten Verhandlungstag schließlich noch einmal ein: „Sie wollten sich doch bei ihr entschuldigen?“, fragt sie den Angeklagten, „das habe ich vermisst.“ Offenbar hatte der 60-Jährige, der sein Bedauern über das Leid, das er seiner Ex-Freundin antat und das er noch am ersten Prozesstag so deutlich zum Ausdruck brachte, ihr gegenüber nichts geäußert. Seine Begründung indes überrascht: „Ich hatte keine Gelegenheit dazu“, sagt der Mann, „und nach der Verhandlung war sie schon weg.“ Heidrun Ahlfeld will das so nicht stehenlassen. Während des Prozesses habe er doch jederzeit die Möglichkeit, das Wort zu ergreifen, hält sie ihm vor. „Das hat der Vorsitzende Ihnen doch auch ausführlich erklärt.“ Eine Möglichkeit für eine aufrichtige Entschuldigung hätte er also gehabt.

Schuld haben die Medien

Die bedauernden Worte, die er gegenüber seinem Opfer am vorhergehenden Verhandlungstag offensichtlich nicht fand, findet der Mann dann am Mittwoch aber für sich selbst. Auf Nachfrage von Richterin Julia Rogalski schildert er sein Leben, nachdem die Tat aufflog. Er habe „lange Zeit nicht gewusst“, warum er das gemacht habe, erzählt der Pfarrer. Er sei mit seiner Schuld nicht klar gekommen. „Ich habe von mir eigentlich ein anderes Bild.“ Er sei immer ein Mensch gewesen, der sich um andere gesorgt habe, betont er. Nach der Anzeige habe er sich lange Zeit zurückgezogen, habe keinerlei Kontakt gehabt, außer zu seiner Familie. Auch hier hakt die Richterin nach. Sie will wissen, wie sich das Verfahren auf seine Ehe ausgewirkt hat. Seine Frau habe „natürlich überlegt, ob sie bei mir bleibt“, räumt der Angeklagte ein. Sie habe schließlich erst am Tag der Hausdurchsuchung von den Vorwürfen erfahren. Sie habe sich dann aber für ihn entschieden. „Sie sagt, dass ich immer ein guter Vater und Ehemann war.“ Auch seine Kinder hätten zu ihm gehalten. Ohne den Zuspruch der Familie „wäre ich schon tot.“

Sein Anwalt bittet ihn schließlich zu beschreiben, wie sein Leben nach der öffentlichen Berichterstattung über seine Tat verlaufen ist. Und auch hier findet der Angeklagte Worte, erzählt von einer „Ausladung“ zu einer privaten Geburtstagsfeier und den Rückzug von Freunden. „Es ist ein Weg zum sozialen Tod, den ich gerade beschreite.“ Die Schuld sieht er bei den Medien: „Die Berichterstattung war ja auch so schlecht. Ich finde keine Worte dafür. Das war ja keine Information mehr ...“ Man müsse bedenken, so der Pfarrer: „Auch Kinder lesen die Zeitung!“ Die Plädoyers werden am vierten Prozesstag Ende Oktober erwartet. Um diese Frist bittet der Strafverteidiger. Auch sein Mandant wolle noch ein umfangreiches Statement vorbereiten. Vorsitzender Richter Ulrich Galler beendet die Verhandlung schließlich mit einem Hinweis. Es sei möglich, dass auch eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung in mittelbarer Täterschaft infrage komme, informiert er.