Gardelegen l Corona machte diesem Plan einen Strich durch die Rechnung. Im November sollten fünf neue Stolpersteine in Gardelegen für die Familie Heß verlegt werden. Die Mitglieder der gleichnamigen Arbeitsgemeinschaft am Gymnasium hoffen auf einen neuen Termin im kommenden Jahr.

Bürgerpreis für Arbeitsgemeinschaft

Bereits 41 Steine zur Erinnerung an die jüdischen Familien Hesse, Rieß, Sonnenfeldt, Lemberg, Marcus, Klein, Holz, Behrens, Cohn und Lippstädt hat die Arbeitsgemeinschaft (AG) Stolpersteine des Gardelegener Geschwister-Scholl-Gymnasiums seit ihrer Gründung im Jahr 2013 zusammen mit dem Künstler Gunter Demnig in der Hansestadt verlegt. Für ihr Engagement erhielten die Mitglieder der AG 2018 sogar den Bürgerpreis des Altmarkkreises, der Volksstimme und der Sparkasse in der Kategorie U 21.

Auch im November 2020 sollte es wieder soweit sein: Fünf Steine waren für die Familie Heß geplant – vier an der Bornemannstraße 6 für Richard Heß sen., seine Ehefrau Mathilde Dorothee Louise von Qalen, geborene Schliecker, seinen Sohn Richard Heß jun. sowie seine Schwester Josephine Heß – und einer an der Bahnhofstraße 33 für seinen Bruder Ernst Heß.

Digitaler Rundgang geplant

Der Vater von Richard Heß sen., Siegmund Heß, gründete die Musikschule in der Bornemannstraße 6. 1885 ließ er sich dafür in Gardelegen nieder. Er war ein begnadeter Musiker und erhielt viel Anerkennung. Selbst der deutsche Kaiser Wilhelm I. ehrte ihn mit der „Silbernen Trompete“, welche er für seine besonderen Verdienste innerhalb der Blasmusik bekam, wie man der Dokumentation „Schicksale jüdischer Familien aus Gardelegen“ von Gisela Bunge entnehmen kann. 1912 verstarb er. Daraufhin führte sein Sohn, Richard Heß sen., das Musikschulerbe weiter. Im Jahr 1935 wurde über ihn jedoch ein Berufs- und Ausbildungsverbot vom Präsidenten der Reichsmusikkammer verhängt.

Erst viele Jahre später wurde Siegmund Heß für sein Wirken geehrt. Heute trägt der Förderverein der Kreismusikschule des Altmarkkreises Salzwedel dessen Namen.

Engagement endet nicht

Jedoch musste der Termin der Verlegung in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden. David Wolfowski, welcher seit 2020 als Sprecher der Gruppe fungiert, berichtet, dass die Stolpersteine aber voraussichtlich im kommenden Jahr verlegt werden können. Dies seien vorerst die letzten Steine für Gardelegen. Damit soll das Engagement jedoch nicht enden. Die Mitglieder der AG säubern die bereits verlegten Stolpersteine regelmäßig. Auch die Idee eines digitalen Rundgangs stehe im Raum, welcher mittels der Steine die Leute durch die Stadt führen solle.

2013 bauten neun Schüler, davon sieben Mädchen und zwei Jungen, die Arbeitsgemeinschaft zusammen mit ihrer Lehrerin Andrea Müller auf. Seitdem findet sie großen Anklang. Momentan gibt es 15 Mitglieder aus den elften und zwölften Klassen des Gymnasiums. Teilweise gab es Phasen, in denen sogar 29 Schüler in der AG mitarbeiteten. Sie sind auf das Projekt durch schulinterne Aushänge aufmerksam oder aber auch direkt von älteren Mitgliedern angesprochen worden. Wolfowskis Schwester Alina gehörte beispielsweise zu den Gründungsmitgliedern. Der Kontakt mit den ehemaligen Schülern besteht immer noch.

Persönlichkeiten entwickeln sich

Mittlerweile betreut nicht mehr nur Andrea Müller die Arbeitsgemeinschaft. Auch Kollegin Nadja Müller ist voller Enthusiasmus und Begeisterung dabei. So könne sie, wie Andrea Müller schmunzelnd erklärte, später beruhigt in den Ruhestand gehen. Sie konnte in den vergangenen Jahren eine große Persönlichkeitsentwicklung bei vielen Mitgliedern der AG beobachten. Dies sei ihr besonders wichtig und helfe den Schülern auch in ihrem Leben nach der Schule. Davon ist die Lehrerin überzeugt.

Stolpersteine erinnern an jüdische Familien, die zur Zeit der Nationalsozialisten deportiert und ermordet worden oder zwangsgeflohen sind.