Gardelegen/Warschau l In den Tarifverhandlungen habe die Geschäftsführung der Boryszew-Gruppe eine Lohnerhöhung von 3,5 Prozent innerhalb eines Jahres vorgeschlagen, teilte Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Boryszew-Gruppe, Piotr Lisiecki, mit. Zudem sei zugesichert worden, weitere Gespräche zur „Frage der Lohnerhöhungen sofort nach Stabilisierung der Marktsituation wieder aufzunehmen“. Lisiecki reagierte damit auf eine Volksstimme-Anfrage im Zusammenhang mit den gescheiterten Tarifverhandlungen mit der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE).

Nach drei gescheiterten Verhandlungsrunden seien die Gespräche zum Erliegen gekommen, hatte Jan Melzer, Gewerkschaftssekretär bei der Industriegewerkschaft und zugleich Verhandlungsführer in Gardelegen, mitgeteilt. Eine vierte Runde war in der vorigen Woche geplant gewesen. Die fand aber nicht statt. Die Geschäftsführung habe schriftlich mitgeteilt, dass sie nicht im Stande sei, über weitere Vereinbarungen zu verhandeln. Die Geschäftsführung habe eine lineare Erhöhung der Stundensätze etwa in der Entgeltgruppe I von 40 Cent angeboten. In dieser Entgeltgruppe seien die meisten der 600 Beschäftigten der Boryszew Kunststofftechnik Deutschland in Gardelegen eingruppiert.

Die IG fordere eine Anlehnung an den Flächentarifvertrag Chemie Ost, Fachbereich Kunststoff. Und der sehe einen Stundensatz von 14 Euro vor. Boryszew zahle 10,10 Euro. Das Angebot sei von der Tarifkommission abgelehnt worden.

Protestaktion geplant

Schmelzer hatte, sowie es coronabedingt möglich ist, eine große Protestaktion vor dem Werk angekündigt. Nachfolgende Streiks seien nicht ausgeschlossen, hieß es. Die IG hatte der Geschäftsführung zudem vorgeworfen, dass durch ständige Wechsel in der Führungsetage, Missmanagement und permanenten Investitionsstau das Unternehmen über Jahre hinweg regelrecht ausgeblutet worden sei.

„Wir möchten betonen, dass die Lohnerhöhung deutlich über der durchschnittlichen Inflationsrate für 2020, die auf 0,6 Prozent geschätzt wird, liegt“, stellte der Boryszew-Geschäftsführer klar. Der Boryszew-Vorstand habe mit der IG BCE einen „aktiven Dialog im Geist freundlicher Zusammenarbeit geführt“. In den Gesprächen sei auf die wirtschaftliche und operative Lage der Boryszew Kunststofftechnik hingewiesen worden.

Ernste Schwierigkeiten

Das Unternehmen habe in den vergangenen zwei Jahren mit ernsten Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, die unter anderem aus der Einführung eines neuen Testverfahrens und der Covid-19-Pandemie resultieren würden. Aufgrund der ungünstigen Marktbedingungen habe sich die Lage vieler Automobilzulieferer verschlechtert.

Deswegen habe der Vorstand bereits eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die auf Verbesserung der Rentabilität abzielen sollen. So sei unter anderem eine konzerninterne Finanzierung sichergestellt worden, die es ermögliche, überfällige Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten zu begleichen und Bankkredite zurückzuzahlen.

Zu beachten sei auch, dass am Standort Gardelegen in 2019 und 2020 drei Millionen Euro in neue Spritzgießmaschinen und 700 000 Euro in eine Prozessautomatisierung investiert worden seien. Und zwar mit dem Ziel, die Produktion und die Arbeitsplätze am Standort Gardelegen zu erhalten. „Sowohl die Geschäftsführung der Boryszew Kunststofftechnik als auch die Leitung der Boryszew-Gruppe sind sich ihrer Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern im Werk bewusst“, betonte Lisiecki.

Lohnerhöhung nicht gerechtfertigt

Die von der IG BCE geforderte Lohnerhöhung von 20 Prozent sei aber aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Situation „nicht gerechtfertigt und nicht durchführbar und könnte in der Folge alle Arbeitsplätze im Gardelegener Werk gefährden“.

Gewerkschaft nicht offen

Leider habe sich die Gewerkschaft trotz aller Angebote und Probleme nicht offen für weitere Verhandlungen gezeigt und die vorgeschlagene Lohnerhöhung abgelehnt, bedauerte Lisiecki. Der Vorstand garantiere aber, dass alle Anstrengungen unternommen werden, um den Stundensatz der Mitarbeiter auf dem Niveau zu halten, das eine profitable Produktion ermögliche. Der Boryszew-Vorstand hoffe auf das weitere Verständnis und die Kooperation der Mitarbeiter des Werkes in Gardelegen. „Wir vertrauen darauf, dass wir alle mit viel Engagement und Zusammenarbeit die Position des Werkes als stabilen und geschätzten Arbeitgeber sowie als Geschäftspartner für unseren Hauptkunden, den Volkswagen-Konzert, wieder aufbauen können“, betonte Piotr Lisiecki.