Zeitarbeit

Verwundete, Terroristen, Zivilisten: Schauspieler für Bundeswehr in Sachsen-Anhalt gesucht

Wer gern einmal in andere Rollen schlüpft, für den gibt es derzeit ein ganz besonderes Jobangebot: Schauspielern bei der Bundeswehr in Schnöggersburg.

Von Elke Weisbach
Bei der ersten Großübung in der Militärstadt Schnöggersburg im Juni 2018 bereiteten sich knapp 2000 Soldaten aus Deutschland, den Niederlanden und Norwegen auf ihren Einsatz ab 2019 in der NATO-Speerspitze vor.
Bei der ersten Großübung in der Militärstadt Schnöggersburg im Juni 2018 bereiteten sich knapp 2000 Soldaten aus Deutschland, den Niederlanden und Norwegen auf ihren Einsatz ab 2019 in der NATO-Speerspitze vor. Archivfoto: Doreen Schulz

Letzlingen. „Sie tauchen gern in andere Welten ein und sind ein wahrer Verwandlungskünstler? Sie hören öfter, dass Sie ein guter Schauspieler sind? Hier ist Ihre Chance! Wir suchen zum 22. Juni 2021 mehrere Komparsen für den Einsatz auf dem Truppenübungsplatz Altmark bei Letzlingen.“ Diese Meldung auf der Homepage einer Gardelegener Zeitarbeitsfirma macht neugierig.

Was hinter diesem Angebot steckt? Schauspielern für die Bundeswehr. Dreh- und Angelpunkt ist die sechs Quadratkilometer große Übungsstadt Schnöggersburg, die seit 2012 – in dem Jahr erfolgte der erste Spatenstich – auf dem Truppenübungsplatz Altmark entstanden ist. Noch in diesem Jahr soll sie komplett an die Bundeswehr übergeben werden. Und „nach und nach macht sich die Bundeswehr mit der Übungsstadt Schnöggersburg vertraut“, erklärt Hauptmann Alexander Helle, Presseoffizier im Gefechtsübungszentrum (GÜZ) des Heeres bei Letzlingen, auf Nachfrage der Volksstimme.

Finale Phase

Zwar habe es schon 2018 erste Pilotübungen vor Ort gegeben, so zum Beispiel im Juni des Jahres, als sich knapp 2000 Soldaten aus Deutschland, den Niederlanden und Norwegen auf ihren Einsatz in der NATO-Speerspitze bei der ersten Großübung in der Militärstadt Schnöggersburg vorbereiteten. „Aber erst jetzt kommen wir in die finale Phase“, so Helle, „da die Bauarbeiten durch das Bau- und Liegenschaftsmanagement Sachsen-Anhalt (BLSA) abgeschlossen sind.“

Leben zieht ein

Nun soll also Leben in die Geisterstadt mit mehr als 550 Gebäuden, Autobahn, 800 Meter künstlichem Flusslauf namens Eiser, fünf Brücken, die sich wahlweise selbst zerstören und wieder aufbauen, Industriegebiet, Elendsviertel, offener und geschlossener Wohnbebauung, Hochhaus-, Verwaltungs- und Regierungsgebäuden, Friedhof, Sakralgebäude mit Elementen des Christentums und des Islams, Schule, Gefängnis mit sechs Wachtürmen, Supermarkt, Hotel, Markt- und Spielplatz, Stadion, U-Bahntunnel, 600 Meter begehbarer Kanalisation mit 20 Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten, Kasernen, zerstörten Infrastrukturelementen und Flugplatz einziehen.

Natürlich nur zu Übungszwecken für die Soldaten, um sie optimal auf ihre Auslandseinsätze vorbereiten zu können. Denn Schnöggersburg trägt den Veränderungen in der Einsatzrealität Rechnung. Soldaten kämpfen immer seltener auf freiem Areal und häufiger in urbanen Räumen, was geübt werden muss.

Im Rahmen der finalen Erprobungsphase ist nun ein Übungsdurchgang mit circa 30 Komparsen geplant. „Wir wollen testen, ob es überhaupt zweckmäßig ist und ob der administrative Aufwand sich lohnt, mit Zivilisten zu arbeiten“, erläutert Hauptmann Helle.

Kein neues Konzept

Das Konzept sei aber nicht neu. Das Vereinte Nationen (VN) Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Hammelburg hat laut Helle für Ausbildung der UN-Beobachter auch schon Zivilisten als Rollenspieler beschäftigt. Hintergrund ist der, dass immer dann, wenn die Soldaten des Ausbildungsverbandes in eine darstellende Rolle schlüpfen, diese an anderer Stelle, zum Beispiel bei der Feinddarstellung, fehlen.

Das sollen dann die Komparsen übernehmen. Und diese müssen auch keinen „scharfen“ Schuss fürchten. Es wird, wie auch schon jetzt bei Übungen auf dem Truppenübungsplatz, mit einem lasergestützten System gearbeitet. Diese Systemtechnik macht das GÜZ zur modernsten militärischen Ausbildungseinrichtung in Europa. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, das Übungsgeschehen jederzeit in der Zentrale, die sich in der Kaserne befindet, mitzuverfolgen. Die Ausbilder können unter anderem die genaue Position und den Verwundungsgrad jedes einzelnen Soldaten überwachen. Damit basiert die Auswertung eines Übungsabschnittes nicht mehr nur auf den Wahrnehmungen eines Schiedsrichters beziehungsweise Ausbilders vor Ort, sondern kann mit einer Vielzahl von Daten über jede Sekunde des Geschehens untermauert werden. Auch die Soldaten und Fahrzeuge, die mit der Systemtechnik ausgerüstet sind, erhalten Informationen über ihren Zustand im System und können so entsprechend reagieren.

Termin kann sich verschieben

Wie Hauptmann Helle weiterhin mitteilt, könne es aber möglich sein, das sich der avisierte Termin im Juni aufgrund von Änderungen nach hinten verschiebt. Dabei spielen viele Faktoren wie Terminüberschneidungen eine Rolle, denn für manche Szenarien werden auch andere Truppengattungen benötigt. Die Pioniere unterstützen beispielsweise die eigene Truppe bei Einsätzen im In- und Ausland mit bauhandwerklich und technisch ausgebildeten Soldaten sowie durch den Einsatz spezieller Fahrzeuge, Maschinen, Geräte und Werkzeuge. Dazu zählen auch die Brückenlegepanzer, damit man nach einem „Anschlag“ in Schnöggersburg als mögliches Szenario doch über die Eiser, den künstlichen Fluss, kommt.

Es gibt erste Bewerbungen

Den Komparseneinsatz managt der zivile Betreiber, die Saab Training and Simulation GmbH. Und der Zeitarbeitsfirma liegen auch schon erste Bewerbungen für die Aufgabe vor, wie eine Nachfrage ergab. Die Bewerber kommen nicht nur aus der Region, sondern auch aus Berlin und Nordrhein-Westfalen.